Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Also machte ich mich auf in‘s Rechenzentrum, wo am Wochenende vom 12.-14. Juni als Einstimmung auf die Festival Saison „Reisen macht den Kopf frei“ stattfand. Axel Bartsch hatte bereits angefangen, als ich am Samstag gegen 17 Uhr dort eintraf. Mit der Tram 21 raus zu gondeln ist auch echt eine Weltreise, allerdings wurde ich für meine Mühen mit herrlicher Sonne, angenehmer Atmosphäre und einem tollen Interview mit Axel entlohnt.
Axel, die erste Frage liegt auf der Hand, als ich kam, war niemand auf der Tanzfläche, alle hingen in den Liegestühlen und am Wasser rum. Du hast den Dancefloor innerhalb deiner 2 Stunden gut gefüllt, denn jetzt sitzt fast niemand mehr, wie macht man das?
Ja stimmt wohl, aber ganz genau erklären kann ich das auch nicht. Ich hab mich heute nicht am Publikum, sondern vor allem an meinem eigenen Geschmack orientiert, einfach aufgelegt worauf ich Bock hatte. Und es scheint, als hätte ich eine Schnittmenge mit dem Publikum gefunden.
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„Reisen macht den Kopf frei“ würdest du als DJ, der ja viel unterwegs ist, sagen, dass ist richtig? Oder nervt es manchmal auch zum Flughafen zu fahren?
Gute Frage! Obwohl das im Zusammenhang mit der Party ja wohl eher als so ne Auszeit vom Alltag zu sehen ist. Es soll auf einen Trip gehen. Also wenn ich reise ist es meist schön, man hat auch schon zwischendurch mal Zeit sich umzuschauen. Auch gerade das im Flieger sitzen hat was meditatives, da kann man sich gut neu ordnen weil man auch viel allein ist. Fast ein bisschen wie Joggen.
Welcher Track aus deinem Set ist dir am besten im Gedächtnis geblieben?
Das sind natürlich mehrere, aber das Publikum ging am meisten bei einem Remix von mir ab, den ich für Towie gemacht habe, einem noch nicht so bekannten Künstler auf no dough records, einem Digitallabel. Ich spiele sonst eigentlich selten Eigenproduktionen, da ich, wenn ich einen Track fertig habe und er endlich rauskommt, ihn selbst schon fast nicht mehr hören kann. Das geht wohl fast jedem so.
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Letztes Jahr ist ja dein Album Kiss erschienen, auf was können wir uns dieses Jahr noch freuen?
Ich sammle gerade viele neue Ideen. Aber die Zeit vergeht so schnell in Berlin. Ich hab kürzlich ein Projekt mit Jake the Rapper gemacht, er Vocals und ich die Musik, bei dem wir gerade schauen, wo wir es rausbringen. Außerdem wird‘s noch ein paar Remixe von mir geben und ich bin dabei mein Label Sportclub wieder neu aufzustellen. Früher war es einfach eine Plattform für mich und Asem, schnell und ohne Umwege Sachen rauszubringen, die wir gut fanden. Jetzt hab ich noch ein paar Leute mehr ins Boot geholt, die für frischen Wind sorgen werden. Ab September ist da mit Neuigkeiten zu rechnen.
Spielst du denn im Sommer lieber im Club oder Open Air wie heute?
Das ist ganz unterschiedlich. Grundsätzlich ist halt der Club das worum es geht, aber gerade hier in Berlin die Open Airs, besonders auch die illegalen Geschichten, wo dann plötzlich 2000 Leute im Park tanzen, das ist einfach ein Kracher und da hab ich schon auch immer Bock drauf. Also es hat beides seinen Reiz.
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Was macht denn Berlin für dich zu etwas Besonderem?
Da gibt es sehr vieles. Ich spiele ja Mittlerweile sehr viel in Berlin und wenn man dann so außerhalb unterwegs ist kommt es schon mal vor, dass die Party nicht so gut ist oder die Atmosphäre ein bisschen lau. In Berlin passiert mir das sehr sehr selten. Also trotz riesengroßer Clublandschaft gibt ‚s kaum schlechte Partys, jedenfalls spiel ich da nicht.
Bleibst du nach dem Auflegen meist länger da?
Ja absolut, dieses Kommen und Gehen finde ich doof.
Gibt‘s denn noch ein Land wo du noch nicht warst und wo du schon immer hinwolltest?
Ja auf jeden Fall, ich war noch nie in Australien. Oder dann eben auch gern so Länder wie China wo sich die Technoszene noch nicht so richtig etabliert hat, so etwas hat einfach immer nen besonderen Vibe!
Auf nach Mitte. Ich bin früh dran. Das bin ich von mir nicht gewohnt und stehe, etwas peinlich berührt, vor der Haustür von Thomas Koch alias DJ T., den ich in fünf Minuten eine halbe Stunde lang interviewen darf. Ich klingel. Ich betrete seine Wohnung. Ich drücke ihm zwei Ausgaben des proud Magazins in die Hand. DJ T. ist ein Mann vom Fach. Er beäugt unser Magazin. Er schlägt es in der Mitte auf. Er schnuppert dran. „Riecht etwas streng“, meint er. Ich nicke. Ich bitte um ein Glas Wasser. Ich beginne das Interview, ein Interview, das im Endeffekt länger geworden ist als erwartet, viel länger, aber eben auch relevant. Let get metaphysical!
Wie bist du auf die Groove Idee gekommen?
Die erste Ausgabe erschien im Dezember 1989. Ich war damals 19 und DJ. Außerdem war ich ein sehr interessierter Konsument von allem was damals noch unter dem Gesamtüberbegriff „dance“ zusammengefasst wurde. Es gab ein Magazin das Network Press hieß. Aus deren Magazin-Charts sind damals die DDC (Deutsche Dance-Charts) und die DCC (Deutsche Club-Charts) entstanden, die inzwischen eine Art Institution sind. Das war so mein Magazin und da habe ich mir meine Infos herausgeholt. Es war aber auch eher auf Black Music spezialisiert und hatte einen großen Schwerpunkt auf Soul, Funk und Hip Hop gehabt. In jedem Magazin gab es drei DJ-Charts und die waren unheimlich wichtig, um sich zu orientieren. Sobald man die sah, hat man sich die Tracks – sofern man sie im Laden finden konnte – automatisch angehört. Mir hat das schon damals gezeigt, wie wichtig es sein würde sich an den Charts zu orientieren und damit auch viel mehr zu arbeiten. Der Grundgedanke war, aus dem Groove Magazin ein Chart- Magazin zu machen. Die ersten 16 Seiten hatten dann auch um die zwölf Seiten Charts – nur DJ-Charts von allen wichtigen DJs aus dem Rhein-Main- Gebiet und auch Plattenläden-Charts. Auf der Basis hat sich das Magazin dann entwickelt. Eigentlich habe ich mit dem Magazin meine eigenen Bedürfnisse befriedigt. Ich habe genau das reingeschrieben, was für mich wichtig war und was ich auch gerne lesen wollte, und habe damit zufälliger Weise einen Nerv getroffen.
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Und was ist dann passiert?
Ich habe die Groove 2004 verkauft. Ab Mitte 2004 wurden die Geschäfte schon vom Piranha Mediaverlag geregelt. Ich bin dann noch ein halbes Jahr pro forma Herausgeber geblieben, was ich mir gewünscht hatte, damit ich sozusagen die 15 Jahre voll mache.
Wie kam es dann zu deiner Labelpartnerschaft bei Get Physical? Das war ja noch vor der letztendlichen Abgabe der Groove? Waren Label und Magazin zusammen einfach zu viel des Guten?
Das Witzige ist, dass mir schon ohne Label in der Zeit alles viel zu viel war. Aus positivem Stress wurde dann auch negativer Stress. Ab 2001 gab es schon mal einen Wirtschaftsknick, der sich vor allem auf die Geschäftsbereiche ausgewirkt hat, die von Werbung gelebt haben. Die goldenen Zeiten gingen exakt bis zum ersten Halbjahr 2001, was das Magazin machen betraf. Ich habe noch die Zeiten in den Neunzigern miterlebt, wo Plattenfirmen in jeder Ausgabe ganzseitige Anzeigen für mehrere Tausen D-Mark schalten konnten, wo die Leute eigentlich das Gegenteil von heute gemacht haben und für Werbung fast das Geld zum Fenster hinausgeschmissen haben. Dann kam eben dieser erste krasse Knick und dann habe ich erlebt, was ich gar nicht für möglich gehalten hätte nämlich, dass man selbst als Nischen-, bzw. als Special Interest Magazin genauso betroffen ist, wie alle anderen auch. Das habe ich dann auch – erst mit einer Verzögerung von einem halben Jahr – schmerzhaft eingesehen. Ich habe mich damals einfach total übernommen. Ich bin jemand, der jede gute Idee irgendwie umsetzen muss und auf zu vielen Feldern gleichzeitig aktiv war. Ich wollte den fallenden Anzeigenumsätzen entgegenwirken und habe deshalb angefangen andere Geschäftsfelder anzukurbeln. Ich habe viele Veranstaltungen gemacht, auch kurzzeitig mit anderen Leuten einen Club gemacht und die Einnahmen dann wieder ins Magazin gesteckt, um da die Löcher zu stopfen. Eine Zeit lang ging das einigermaßen gut, war aber auch wahnsinnig stressig. Irgendwann musste ich dann einfach Projekte abbauen, um nicht schon rein psychisch vor die Hunde zu gehen. Da habe ich dann die M.A.N.D.Y.s getroffen, die mir von ihrem Plan erzählten ein Label zu gründen und mich um Rat baten, ob ich nicht noch jemanden wüsste, der als Sechster diese Konstellation um einige bestimmte Komponenten ergänzen könnte – also die zwei Booka Shades plus Partner, die zwei M.A.N.D.Y.s und eben eine weitere Person. In dem Moment habe ich gewusst: „Ein Label? Das wollteste doch schon vor 15 Jahren machen.“
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Mit Get Physical läuft es scheinbar weiterhin gut. Vor einigen Monaten hattet ihr euren 100. Release und jetzt erscheint nach langer Pause dein zweites Album „The Inner Jukebox“. Welches Signing oder welcher Künstler auf Get Physical hat dich in der letzten Zeit am meisten begeistert?
Das letzte Signing für Get Physical waren die Catz and Dogz. Das sind zwei Polen und momentan dort die zwei erfolgreichsten Produzenten. Die sind mit dem Catz and Dogz-Projekt schon auf einem Label von Claude VonStroke (Mothership). Das sind zwei Jungs, da merkt man mit jedem Release eine Qualitätssteigerung. Ich denke, die werden noch ein Weilchen präsent sein. Die beiden sind noch sehr jung und bringen demnächst bei uns eine Maxi heraus. Eine weitere Veröffentlichung, die gerade auf Get Physical herausgekommen ist, ist das aktuelle Album von Damien Lazarus „Smoke The Monster Out“. Der hat mit Crosstown Rebels auch sein eigenes Label. Der hat auch ein schwierige Zeit hinter sich, weil in England ein Vertrieb Pleite gemacht hat. Jedes Mal, wenn ein Vertrieb Pleite macht, sterben auch diverse Labels, weil irgendwelche Riesenbeträge offen stehen und das hätte ihn auch fast erwischt. Er ist natürlich nicht nur ein DJ der produziert, sondern er schlägt auch Brücken zu Pop, Advanced oder Crossover-Geschichten, was ich 26 chat selbst zum Beispiel gar nicht will. Ich bin wirklich ein ganz klassischer DJ-Produzent und möchte, auch wenn ich ein Album mache, Musik machen die auf dem Dancefloor auf jeden Fall funktioniert, die ich auch selber spielen kann. Das ist mir ganz wichtig.
Ist dir das auf deinem neuen Album „The Inner Jukebox“ gelungen?
Das Album ist keine reine Aneinanderreihung von Clubtracks geworden. Es war mir wichtig mit drei, vier Stücken die ein bisschen anders sind eine Geschichte zu erzählen, einen Flow zu haben in diesem Album der es dann auch ermöglicht das Album zu Hause zu hören.
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Auf der Promo CD haben zwei Tracks gefehlt. War das so gewollt?
Wir haben es einfach nicht geschafft die Deadline einzuhalten. Wenn ich gewusst hätte was passiert, dann hätte ich es anders gemacht. Wenige Tage nachdem wir die Promo CD an den ersten, relativ kleinen Businesskreis verschickt hatten – an den es auch rausgehen musste, weil über K7 eine weltweite Vertriebskoordination stattfindet, wo dann die Vertriebspartner diese CD zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt einfach kriegen müssen, weil sonst dieser ganze Plan zur Koordination der von K7 vorgegeben ist, nicht funktioniert – standen die Tracks schon auf 60-70 verschiedenen Download- Seiten zur Verfügung. Das passiert uns mittlerweile mit jedem Release, nur war es bei meinem Album sichtbar schneller und massiver. Warum das gerade bei dem Album so war, wissen wir nicht. Wir waren geschockt, wie schnell es dieses Mal ging und weil es irgendwie aus diesem Kreis dann kommen musste, an den es halt als Erstes rausgegangen ist. Irgendwo war halt ein Leck, wo jemand das weitergegeben hat.
Wie fühlt man sich dann? Was bedeutet dir das?
Mittlerweile muss ich sagen, man tut besser daran zu versuchen das zu vergessen und zu akzeptieren, weil es nie wieder anders sein wird. Trotzdem sollte man Strategien entwickeln, wie man das bekämpft oder zumindest eindämmt. Allerspätestens wenn man das Album dann verkauft, kann man sich inzwischen sicher sein, dass in der Stunde, wo das zum Beispiel auf Beatport gestellt wurde, jemand in der Ukraine oder in Russland, oder wo auch immer, das Album legal herunterläd und dann hochstellt. Und dann kann man davon ausgehen, dass sechs Stunden später das Album schon auf 30 weiteren Blogs erhältlich ist. Das kann man nicht mehr verhindern. Was unser Office zum Beispiel macht ist – und das habe ich auch schon von anderen Labels gehört – dass wir eigene HiWis beschäftigen, die nichts anderes machen, als diese Plattformen, Blogs und File-Hosts anzugehen. Aber das ist ein Kampf gegen Windmühlen, weil für zehn Gelöschte täglich zehn Neue erscheinen.
Andere werden langsam wahnsinnig, ich schnell. Das letzte Gespräch ließ viele Fragen offen, doch eines steht fest: Wir werden uns nicht mehr sehen. Mein Handy, ein Relikt, das auf der Funkausstellung zusammen mit dem Farbfernsehen vorgestellt wurde, hat mir zuliebe schon eine Selbstschutzfunktion entwickelt. Verpasste Anrufe werden gar nicht erst angezeigt. Das blaue Netzwerkmonster lässt mich aber nicht allein mit meiner Herzscheiße und zeigt mir ständig ihre neuen „Freunde“. Auf den Profilbildern wirken die so, als würden sie vor der Arbeit in der Werbeagentur noch mal eben schnell irgendwo Windsurfen gehen. Die letzten Sachen habe ich, unter den peinlich berührten Blicken der Mitbewohner, in einem Wäschekorb vor ihrer Zimmertür abgestellt. Sowas nennt man dann wohl den „letzten Akt“. Wäre ich ein Fernsehsender, würde bei mir permanent eine Spendenkontonummer durch das Bild laufen.
Alle sagen, dass es vorbei geht und dass überhaupt alles nicht so schlimm sei. Jaja. Ich sage: Vielleicht sollte ich mal wieder in eine Kneipe gehen! Sofort. Heute Abend. Kein selbst ernannter Szeneladen mit unverputzten Wänden, Koks auf den Toilettenablagen und Mojito für 8,50, sondern eine ehrliche, leicht zweifelhafte Trinkstätte.
Der vorprogrammierte Absturz meiner Wahl heißt „Bierhaus Urban“, befindet sich keine Kippenlänge von meiner Wohnung entfernt und hat seit 25 Jahren geöffnet. Durchgängig. Das muss man sich mal vorstellen! Alles, was in der letzten Dekade passiert ist, wurde hier zwischen zwei Pils und drei Kurzen irgendwie so durchgewunken. Maueröffnung, 9.11., Fußballweltmeisterschaften. Wer hier herkommt, dem ist Vieles ziemlich egal. Diese zur Schau getragene Unaufgeregtheit und die Aussicht auf eine hemmungslose Jukebox-Session lassen mich auf einen guten Abend hoffen. Joe Cocker, Grönemeyer und Rick Astley – gerne auch in dieser Reihenfolge. Das Bier ist dasselbe wie woanders auch.
Als Alleintrinkender ist die Platzwahl an der Theke elementar wichtig, denn sie entscheidet über die nächsten Stunden. Ich nehme auf einem modrigen Barhocker neben einem Mann Platz, der so aussieht als würde er Bernd heißen und die Nase voll hat von allem. Bernd trinkt Cognac, raucht Pall Mall ohne Filter und trägt eine speckige Taxifahrer-Lederjacke. Sein Bauch wallt sich wie ein unaufgepumpter Medizinball über den Hüftansatz seiner Bundfaltenhose. Bernd sieht so aus, wie ich mich fühle.
Am Tresenende erkenne ich durch die Rauchschwaden noch eine weitere Schicksalsgemeinschaft. Zwei Männer, Typ Umzugshelfer oder frisch aus dem Knast entlassen, und eine rotwangige, matronenhafte Blondine mittleren Alters, deren dunkles Geheimnis ich nicht wissen möchte. Am Ende landen alle hier denke ich und bestelle ein Hefeweizen. Eigentlich finde ich Hefeweizen schrecklich, schon alleine wegen des Glases. Dieser sperrige Alkohol-Pokal sieht bescheuert aus und kann nur in bayrischen Biergärten ungestraft getrunken werden. Aber irgendwas muss sich ja ändern in meinem Leben! Gerne würde ich mich jetzt betrinken, aber Lust dazu habe ich nicht, nur dumpfe, karge Scheißgefühle, ganz langsam breiten die sich aus, gemischt mit Angst vor dem unangeleinten Hund, der vor dem Eingang zu den Toiletten sitzt, dem Finanzamt, meiner Telefonrechnung, dem heillosen Wäschechaos in meiner Wohnung, der ganzen Welt eigentlich. Fatalistisches Betrinken geht wohl anders.
Nach einer gefühlten Ewigkeit des wortlosen in-mich-hinein-Denkens stehe ich auf und gehe zur Jukebox. Für mein Empfinden läuft hier gerade ein mehrstündiges Queenstück gesungen von Claus Kleber und zumindest das kann ich ändern. Ich versuche mein Glück im Ordner der „200 besten Rocksongs aller Zeiten“. Musikalisch eine Gräueltat und aus ästhetischen Gesichtspunkten in einem Regal mit Bademänteln von Tchibo. Egal, „Summer of 69“ geht immer. Damit wurden zu meiner aktiven Fußballzeit immerhin ganze Weihnachtsfeiern bestritten und mit Besenstielen bewaffnet Luftgitarre auf der Theke gespielt.
Bei den ersten Zeilen des Gassenhauers erkenne ich, wie Bernd den Text schwankend in sich hinein murmelt und die Bardame anerkennend nickt. Peaktime im Bierhaus Urban. In der Panoramabar wäre jetzt der Moment gekommen, wo sich die Jalousien öffnen und sich vorher unbekannte Menschen in den Armen liegen. Zeit zu gehen. Ich bezahle lächelnd, und noch bevor der kanadische Weichspüler zum finalen Solo ansetzt, bin ich verschwunden. Ich fühle mich ein bisschen besser als scheiße und verbuche den heutigen Abend als Gewinn auf meinem Karmakonto. Plötzlich klingelt das Handy. Meine Gedanken machen schlagartig einen U-Turn bei voller Fahrt in den Gegenverkehr. Sie ist es nicht, doch ich bin erleichtert. Wenn man mal wieder mit seinen Eltern telefoniert, weiß man, wo der Wahnsinn wirklich zuhause ist.
Daniel Penk! Peng!
Grafik: Vinzent Britz & Martin Köhler
Mit diesem wunderbaren Mandala auf dem Rücken wurde ich von gleich 5 U-Bahn Sheriffs, harsch und ohne Ansprache, bei ganz ruhigem Verhalten, zum Verlassen des Bahnhofs aufgefordert. Mein Hilferuf bescherte mir gleich zwei T-Shirts, worauf diese jungen Männer den Bahnhof verlassen sollten.
Nach Umleeren eines BVG Mülleimers in einen Anderen, unter aller lautestem Protest und Verfolgung der Sheriffs, stülpte ich mir den stinkenden Müllsack über den Kopf und schrie, und jetzt fahre ich U-Bahn, oder bin ich etwa noch nackt?
Der ganze U-Bahn-Schacht war voller Solidarität und lauthalsem Gelächter gefüllt. Mein auf dem Boden liegendes Fahrrad wurde von Jungs, mir nach, in die sehr volle Bahn gehievt, und unter Deckung der Zugang zur Bahn freige- geben.
Die Sheriffs mussten mich samt Fahrrad verschwinden sehen. Bei dem gesamten Geschehen wurden nette Fotos geschossen, die nasse, stinkende, klebrige Plastikbekleidung hatte mir einen Platz zum Foto-Shooting in der Bahn verpasst.
Obgleich es ein heiden Spaß war, hat es mich zu Anfang der Geschichte geschockt, mit welcher verbalen Härte und welchem Personalaufwand mir friedlichen, mit heiligen Zeichen be- malten, zahlenden Bahngast begegnet wurde.
Ich habe ihnen noch zugerufen, das sie einen guten Job haben, ihn dann bitte auch gut machen sollen. Nach der Fra- ge, ob sie den Rausschmiss ernst meinen, war die Antwort: ganz ernst, tot ernst ohne Diskussion. Und jetzt ver- lassen Sie den Bahnhof!
Es kommt dann doch eher selten vor, dass ich mir für ein Interview mit einem DJ den Wecker stellen muss. Ich treffe David August um 11 Uhr am Wrangelkiez, wo er auch seit einiger Zeit wohnt. 2010 landete er mit „Moving Day“ einen veritablen Hit und sein differenziertes Musikverständnis spiegelt sich in seinen weltweiten DJ-Sets fein strukturiert wieder. Neben seinem Hauslabel „Diynamic“ hat er bereits auf „Stil vor Talent“ und „Cocoon“ veröffentlicht. Nicht gerade die schlechtesten Adressen und man könnte meinen er wäre schon ewig dabei. David August ist vor Kurzem 21 Jahre alt geworden. proud trifft einen der hoffnungsvollsten deutschen Produzenten und DJs.
Ursprünglich kommst Du aus Hamburg. Warum bist jetzt nach Berlin gezogen?
Ich bin nach Berlin gezogen, um hier zu studieren. Ich habe seit April 2011 ein Studium zum Tonmeister angefangen. Darauf habe ich mich in den letzten 1,5 Jahren bereits vorbereitet, dieses Ziel hatte ich immer im Hinterkopf. Jetzt läuft alles und ich bin sehr glücklich.
Du bist mittlerweile so bekannt, dass es durchaus eine Option gewesen wäre, ausschließlich auf die Musik zu setzen. Hast du nie mit dem Gedanken gespielt?
Ich lebe ja auch davon, dass ich den Job als DJ aussübe. Ansonsten könnte ich mir das Leben in Berlin gar nicht leisten. Mein Studium erfüllt mich aber genauso. Ich mache kein trockenes BWL-Studium, wo ich mein Hobby pflegen muss, wenn ich am Wochenende unterwegs bin und am Montag dann in eine andere Welt eintauche. Sowas könnte ich nicht. Die beiden Teile meines Lebens harmonieren sehr gut. Besser geht’ s nicht!
Wissen deine Kommilitonen, dass du als DJ und Produzent unterwegs bist?
Ja, das ist witzig, die haben das so Stück für Stück mitbekommen, dass ein David August auf der Uni ist. Vielleicht ist es etwas Besonderes, was ich mache, aber auch viele andere dort sind sehr gut in ihren Bereichen und außerhalb der Uni musikalisch aktiv. Da sehe ich mich nicht in einer Sonderrolle.
Im Internet habe ich nicht so viel zu dir gefunden, aber bemerkenswert war, dass sich die meisten Artikel immer dein junges Alter thematisierten. Nervt dich sowas mittlerweile?
Generell ist es sicher ein Bonuspunkt von mir in einem Business erfolgreich zu sein, in dem doch die meisten älter sind als ich. Was mich eher nervt, sind die vielen alten Pressetexte, die immer noch von mir überall veröffentlicht werden. Auf der Cocoon-Compilation ist z.B. ein Text von 2008. Es wird also Zeit für neue Releases…
Dein Track „True Romance“ ist auf der Cocoon-Compilation. Für viele Künstler ist das eine Art Ritterschlag. Wie ist es dazu gekommen?
Ich wollte Diynamic immer als Homebase behalten, aber hatte auch schon überlegt auf anderen Labels zu veröffentlichen. Kurz vor dem Release der Compilation fragte mich Cocoon dann nach einem Track. Ich habe mich 2 Tage eingeschlossen und stand zeitlich ziemlich unter Druck. Bei diesem Track ist genau zur richtigen Zeit das Richtige passiert. Bei der Produktion fällt man dann wie in eine Art Trance und merkt gar nicht, wie schnell man fertig wird. Wenn der Flow stimmt, kann man einen Hit in 2 Stunden realisieren.
Da war es so, dass ich Solomun die Vorversion des Tracks als Vorschlag für einen Bonustrack meiner EP schickte. Zunächst behandelte der Track zwei verschiedene Themen und sein Vorschlag war nur eines der beiden Themen zu nehmen, einen Höhepunkt herauszuarbeiten und alles stimmiger zu machen. So ist dieses Stück dann entstanden. Dass es dann so groß werden würde, damit habe ich nicht gerechnet.
Gab es einen speziellen Moment für dich, den du speziell mit diesem Lied verbindest?
Ich bekomme jetzt schon Gänsehaut, wenn ich daran denke. Das war auf der 5 Jahres Party von Diynamic in der Panoramabar und mein bislang einziger Auftritt dort. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen den Track dort nicht zu spielen, weil er mir damals schon zu alt erschien. Natürlich ist es immer verlockend, weil ich weiß, wie gut der Track ankommt. 5 Minuten vor Ende meines Sets ging ich dann zu Solomun und fragte ihn, ob ich es machen soll. Er sagte: „Mach es!“, und die Panoramabar flippte kollektiv aus. Es war eine einzigartige Atmosphäre und ich hatte Tränen in den Augen. Das war mein „Moving Day“ Erlebnis.
Du bist schon sehr jung hinter die Turntables getreten. Hat es überhaupt jemals eine Zeit als Clubgast für dich gegeben?
Mit 15, 16 war ich schon oft mal unterwegs. Allerdings nicht in Clubs, sondern eher bei Abipartys. Die Musik stand da natürlich nicht im Vordergrund. Da lief David Guetta Elektro und es ging eher darum das hübsche Mädchen aus der Paralellklasse kennenzulernen. Eine richtige prägende Clubzeit hatte ich nicht. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich das nicht brauche. Seitdem ich in Berlin wohne, war ich auch nur einmal privat in einem Club. Vor einigen Wochen bei Heidi’s Jackathon Party im Watergate. Solomun hat ein wirklich tolles Set auf dem Waterfloor gespielt und es hat auch viel Spaß gemacht. Ansonsten treffe ich mich aber lieber mit meinen Freunden oder fahre nach Hamburg. Die Party während meiner eigenen Gigs reicht mir vollkommen aus.
Solomun hat dich sehr in deiner Karriere unterstützt. Wie kann man sich das Verhältnis innerhalb von Diynamic vorstellen?
Es ist auf jeden Fall mehr als nur ein Arbeitsverhältnis. Wir sind alle mittlerweile ziemlich zusammen gewachsen, auch wenn ich erst seit etwas mehr als einem Jahr dort bin. Ich freue mich immer wenn Solomun und David August zusammen auf einem Flyer stehen, weil wir dann meistens back 2 back auflegen. Privat und musikalisch verstehen wir einfach sehr gut. Ich habe einen italienischen Backround, er ist Halbkroate und Adriano ( Diynamic, Anm. Red.) ist auch Halbitaliener. Vielleicht ist es dieser mediterrane, südeuropäische Flair, der uns nochmal von anderen Labels unterscheidet. Wir verstehen uns alle sehr gut.
Ihr habt einen sehr charakteristischen Sound in den Clubs etabliert. Kann man schon vom Diynamic Trademark Sound sprechen? Wie siehst du das?
Solomun würde sich freuen, wenn er das hört! Das ist für ein Label natürlich das Beste. Bei mir war es so, dass ich mich ab einem bestimmten Zeitpunkt hinterfragt habe, wer ich denn eigentlich bin und für was ich stehe. Ich bin jetzt nicht mehr der David, der damals „Trumpets Victory“ gemacht hat. Wenn ich den höre, erkenne ich mich nicht mehr darin. Mit Vielen meiner früheren Releases kann ich mich nicht mehr identifizieren, auch wenn sie Teil meiner Geschichte sind. Ich war sehr jung und man merkt, dass ich keinen roten Faden verfolgt habe. Wenn man sich beispielsweise die Karriere von Stimming ansieht erkennt man sein klares Soundkonzept viel besser als bei mir. Momentan bin ich, im Zuge meiner Albumproduktion, einen Sound zu entwickeln, für den ich längere Zeit stehen kann.
Mit welcher Ambition gehst du heute in ein DJ-Set?
Ich verfolge meist ein klares Soundkonzept. Ich versuche mit Gefühl und Soul den Arsch zum Wackeln zu bringen. Ich mag Musik, die sexy ist und einen gewissen Sexappeal hat. Man hört es auch bei Solomun oder bei H.O.S.H. Wir mögen es cool, groovy und sexy. Natürlich muss man auch immer darauf achten, wie die Leute reagieren. Ich habe letztens in Spanien auf einem Festival gespielt. Der DJ vor mir hat so ca. 130 Bpm gespielt mit sehr vielen Effekten. Die Leute haben zwar schon getanzt, aber richtig glücklich schienen die auch nicht zu sein. Ich habe dann nach ihm mit einem ziemlich langsamen Intro angefangen und es wurde noch nie so schnell leer bei mir. Das war wirklich der Hammer. Nach 5 Minuten waren noch 10 Leute auf dem Flor und das bei einem Festival. Ich dachte mir: “David, damit musst du jetzt leben”, aber ich wusste dass ich mit dem Tempo so runtergehen musste, damit meine härteren Sachen einen Eindruck hinterlassen. Hätte ich meinen härtesten Song direkt nach seinem Gebretter gespielt, hätte das überhaupt keinen Effekt gehabt. Nach dem Intro standen wirklich nur noch 5 Leute da. Nach einer Stunde war es dann aber dreimal so voll wie bei dem DJ vor mir. Man muss versuchen den Leuten die Musik zugänglich zu machen. Hätte ich versucht mit diesem Typen mitzuhalten, hätte das dahin gehend keinen Sinn gemacht. Das war etwas, was ich früher als Gast auf Partys nie verstanden habe. Wenn der Hauptact angefangen hat zu spielen und es etwas langsamer wurde, wollte ich immer Partymusik hören. Damals war ich gerade 16 Jahre alt. Mittlerweile sehe ich das anders.
Für mich ist das ein Job, der sich ab einem gewissen Alter dem Ende zuneigt. Die Szene ist sehr jung und ein älterer DJ hat bei einem Publikum von 18-27 jährigen einfach nichts zu suchen. Mein Ziel ist ein Job in der Musik auszuüben, aber nicht das Deejaying. Durch mein Tonmeister Studium bin ich da glaube ich schon auf einem sehr guten Weg.
Das Album wird 2012 erscheinen. Kannst du schon etwas darüber verraten?
Das Album wird viele Leute ziemlich schocken. Es wird Musik sein, die man nicht von kennt und so vielleicht auch nicht erwartet hätte. Viele Tracks werden sehr langsam sein, teilweise unter 100 BPM. Wie schon gesagt, braucht man keine Geschwindigkeit um einen Club zum Rocken zu bringen. Das Album wird stark in diese Richtung gehen und ich werde es als Liveact umsetzen, auch wenn wahrscheinlich nicht alle Tracks dabei zum Einsatz kommen werden. Es wird ein Konzeptalbum, das man auch zu Hause hören kann.
Berlin ist bekannt für sein ausschweifendes Nachtleben. So wie Boris Becker für sein Liebesleben. Man hört viel, aber was genau verbirgt sich dahinter? Ich wagte den Selbstversuch mit ‚ner Flasche Johnnie Walker und ‘nem Fuffi in der Tasche. Allein. Mal schauen, wie mich die Nacht empfangen wird. Nach ein paar Shots in Gesellschaft meiner Perserkatze mache ich mich auf den Weg. Ich weiß, alleine Feiern gehen ist generell asozial. Doch sei dir sicher, ab drei Uhr morgens werden auch deutsche Herzen offener. Man muss nur lernen, Leuten mit knirschendem Unterkiefer gut zuzuhören. Es verdrängt beiläufig immer die Tristesse der Situation.
Einen Begleiter habe ich stets dabei: Mein iPhone. Mit Twitter-Account. So verpasse ich wichtige Meldungen nicht über den nächsten Tom Cruise Film, in dem er den Papst spielt. Oder Barack Obama. Immer gut. Manchmal tippe ich auch busy SMS, dann sieht es so aus, als würde man soziale Kontakte pflegen und auf jemanden warten. Ich fühle mich immer relativ smart bei diesem Betrug und man wirkt gleich nicht mehr so traurig.
Ich nehme einen großen Schluck Whiskey und mache mich auf den Weg zum Club der Visionäre. Wenn man keine Uhr dabei hat, dann ist eine Flasche hochprozentiges sehr hilfreich bei der Zeiteinschätzung. Da ein Drittel noch drin ist, schätze ich die vergangene Zeit auf ‘ne gute Stunde.
Ich bin da und steige einer Laune nach auf Bier um. Eine Person fällt mir bei der Umgebungsanalyse besonders ins Auge. Eine junge Mutter mit ihrem Baby, das in ‘nem Naturfasertuch vor ihrem Bauch baumelt. Musikalische Früherziehung für zukünftige Elektro- DJs. Die Clubbetreiber scheinen es da nicht ganz so ernst zu nehmen mit der Altersbeschränkung. Vielleicht nehme ich nächstes Mal meine 12-Jährige Schwester mit, möchte ich schreien. Ich tu‘s nicht. Sondern berechne den Erfolg meiner nächsten Aktion:
Wenn man hin und wieder alleine weggeht, sollte man immer ein Ass im Ärmel haben, falls das mit dem Kennenlernen von anderen Leuten nicht klappt. In diesem Fall berufe ich mich auf den alt bewährten „Boom- Shacka-Effekt“. Der „Boom-Shacka- Effekt“ funktioniert so: Man setzt sich zu einer Gruppe von Fremden und anstatt ein Gespräch anzufangen, zündet man sich eine lange Zigarette mit Kräutermischung an. Schon kommen die Menschen auf einen zu und wollen auch mal probieren. Und ehe man sich versieht hat man fünf neue Freunde. Eine meiner neuen Freunde ist die Mutter mit Kind.
„Solltest du das nicht lieber nicht vor dem Kind machen?“, frage ich sie.
„Wieso? Ist doch nur Dope.“ bemerkt sie trocken und zieht kräftig. Das weder das Gras, noch der Spruch, dope waren, verkneife ich mir mal. Das Baby schläft, und ich hoffe, dass es wegen der Müdigkeit so ruhig ist.
Die anderen in der Runde sitzen ohne Kind da und erzählen ihre Storys. Ich bin ja eh davon überzeugt, dass Leute, die man am Wochenende kennenlernt, einem nur Scheiße erzählen. Wie beispielsweise der Typ mit schulterlangen Haaren und Ring am Daumen, der schräg gegenüber sitzt und die Runde unterhält. Mit geweiteten Pupillen erzählt er von früheren Zeiten, als er noch mit Taschen voll Schwarzgeld Richtung Holland und Schweiz unterwegs war. Dann habe er aber aufgehört, weil er gemerkt hat, dass Geld nicht alles ist im Leben und Gesundheit viel mehr als das zählt. Er kenne zwar die Rauschgiftschmuggler von früher noch und könnte das beste „Zeug“ besorgen, aber das ist ihm an dem Abend zu umständlich. So kratzt er 2,34€ zusammen und fragt mich. Ich verneint und gehe.
Wie es der Zufall so will, treffe ich dort einen alten Freund aus Spanien. Trotz seiner, wegen Jugendsünden, leicht defekten Nasenscheidewand, sieht er recht erholt aus. Er war mit dem Auto hier, was mich etwas stutzig macht, als ich die halbvolle Flasche Moskovskaja in seiner Hand sehe. Aber wir fahren los – ins Rechenzentrum. Die Fahrt verläuft im Großen und Ganzen harmonisch. Abgesehen von einem Moment, als er kurz vor dem Ziel noch auf die Idee kommt, er müsse auf gerader Strecke noch eine Nase ziehen. Obwohl ich solche Drogen nicht unterstütze, erkläre ich mich bereit, in der Zeit das Lenkrad zu halten.
Wozu eigentlich Lines? Frage ich mich, während ich meinen Kumpel Carlos bei seinem rasanten Aufstieg beobachte. Macht eigentlich keinen Sinn. Man kann es auch im Style von Tony M. machen und gleich den Kopf reinhalten. Was mein Angora-Kaninchen wohl davon hält?
Ich will es nicht riskieren. Außerdem hält die Krise noch an, da muss man auf sein Geld achten. Und die Banken können einem niemals einen so guten Ego-Kredit für eine Nacht geben. Sie verlangen aber auch nicht 50% Zinsen am nächsten Morgen. Da ist die Stimmung dann futsch. Bei uns nicht.
Dort angekommen quetschen wir uns ins Getümmel. Der DJ scheint besonders guter Laune zu sein. Seine Hommage an Daft Punk ist eine Gummimaske von Godzilla, die er während des ganzen Gigs aufgesetzt lässt. Ich zolle ihm meinen Respekt dafür und gebe ein Daumen hoch in seine Richtung ab. Das Ganze kombiniert mit angewinkelten Armen, welche sich zum Minimal-Beat bewegen. Mir fällt auf, dass keine Japaner im Club sind. Der Abend klingt aus. Kohle und Alk sind alle, vieles macht keinen Sinn mehr. Es wird hell. „Du willst wissen wie Berlin bei Tag ist? Ob es hart ist, wenn sich JayJo in deine Nase frisst?“ (Bushido, Anm. d. Verf.).
Ich niese. Ein Anruf von meinem Verleger in den frühen Vormittagsstunden. Es kann sich nur um einen Notfall handeln, ein redaktioneller Hilferuf, ein mysteriöser Auftrag in geheimer Mission. Ich hebe ab. „Lev! Hast Du Lust nächstes Wochenende nach Island zu fahren?“ „Ja klar! Worum geht es denn?“ „Um Nordrid.“ „Kenn ich nicht.“ „Das ist eine isländische Konzertreihe, vom isländischen Musikexportbüro ins Leben gerufen. Der Auftakt findet in Reykjavik statt. Anschließend reisen einige isländische Künstler zu verschiedenen Terminen nach Deutschland. Und um das alles publik zu machen, findet jetzt eine Journalistenreise nach Reykjavik statt. Du fliegst am Freitag.“
Island ist ein junges Land, das erst 1944 seine Unabhängigkeit von Dänemark erlangte. Ein Land, das topographisch oft als Mondlandschaft bezeichnet wird, ein naheliegender aber dennoch zu einfacher Vergleich, denn es ist wirklich schwer, diese vulkanoide Zufallslandschaft in ihrer vollen geomorphischen Pracht und wissenschaftlichen Relevanz zu beschreiben. Ich kann mir im Vorhinein von vereinzelten Erzählungen und raren Filmaufnahmen her schon etwas unter Island vorstellen, bin mir aber gleichzeitig dessen bewusst, dass ich mir wohl keine großen Hoffnungen auf philanthrope Feldversuche mit Elfenfamilien und trinkwütigen Wikingerstämmen zu machen brauche. Meine Berufung gilt vor allem der isländischen Musikszene.
Mein Hals kratzt, meine Nase läuft. Mein Vater sagte mir noch ich solle unbedingt Regensachen mitnehmen und jetzt habe ich absolut gar nichts gegen Regen dabei. Großartig. Ich fliege in einer Stunde nach Reykjavik, nach Island, Iceland! und habe Stofflatschen an, sowie ein Paar Sneaker, einen warmen Mantel und einen Wollpulli in der Tasche. Mein mangelhaftes Schuhwerk bereitet mir immer größere Sorgen. Am Gate dann die Bestätigung. Um mich herum ein einziges Wander- und Trekkingoutfit, Gore-Tex und Co, und ich mittendrin. Himalaya versus Teufelsberg. Wenigstens sitze ich im Flieger in der ersten Reihe. Dann habe ich genug Platz für mein wasserabweisendes Ganzkörperzelt. Ein einziger Gedanke hält mich während des Fluges bei Laune. Sollte dieser Iceland Express Flug abstürzen, würde im Wasser auf jeden Fall die Outdoor-Meute mit ihren Allrad-Tretern vor mir untergehen. Nagut, vor mir und dem Hippie aus Reihe drei, der vorhin in Batikhemd und Sandalen die Maschine betrat und mich prompt aufatmen ließ. Aber wir landen.
Dank einer zweistündigen Zeitverschiebung ist die Nacht in Reykjavik noch jung und ich fühle mich fit wie mein Turnschuh. Ich will ein Bier. Auf dem Weg zum Geldautomaten erklärt uns Anna – unsere liebevolle Betreuerin vor Ort und Chefin von Iceland Music Export – dass Bier erst im Jahre 1989 in Island legalisiert wurde. Anfang der 80er Jahre begannen einige Bars in Reykjavik dann Bier mit einem Alkoholgehalt von 1% gemischt mit Vodka anzubieten. Vodka war in Ordnung, nur kein Bier. Als mehr und mehr Bars nachzogen, entschloss die Regierung letzten Endes Bier offiziell zu legalisieren. Beim Geldautomaten erklärt mir Anna noch, dass ich beim aktuellen Wechselkurs für 100 Euro ungefähr mit „seventy thousand“ isländischen Kronen rechnen könne. Ich beschließe nicht zu übertreiben und hebe 60000 ab. Kurz darauf bemerke ich, dass ich Anna falsch verstanden habe und nun mit knapp 350 Euro durch Reykjavik laufe, „seventeen thousand“. Gut, denke ich mir. Die erste Runde geht dann wohl auf mich. Ich werde die isländische Wirtschaft eigenhändig wieder ankurbeln. Wir kommen im Sódóma an, der Bar, und hören Mammút, die Band. Hübsch.
Island liegt auf zwei tektonischen Platten, der Amerikanischen und der Eurasischen. Auf Island gibt es noch aktive Vulkane und ab und zu mal ein Erdbeben, viel Dampf, viel Moos und reinrassige Pferde. Und dann gibt es noch den Fischfang, geothermale Energiequellen, Thor, Odin und Elfen. Dank der isländischen Sagen ist die gesamte Geschichte des Landes inklusive der Ankunft des ersten Siedlers komplett dokumentiert. Über sieben bis acht Ecken sind alle Isländer miteinander stammbäumlich verbunden. Irgendwie sind dann auch alle Isländer im entferntesten Sinne, aber nachweislich, Verwandte von Björk. 300000 Menschen leben auf Island. Davon leben widerrum knapp 180000 in Reykjavik. Davon sehen sich knapp 70000 als Künstler. Die Kreativbranche in Island befindet sich trotz bankrottöser Wirtschaftslage des Landes im Aufschwung. Die Deutsche Bank ist an Island interessiert. Häh?
Es will und will einfach nicht regnen. Eigentlich sollte ich mich freuen. Wir sind Mittags zum Sightseeing verabredet. Mein Hals kratzt nicht mehr. Ich stehe auf und gehe kurz auf eigene Faust Reykjavik erkunden. Unser Hotel ist auf der Laugavegur, der Hauptflaniermeile Reykjaviks, eine Einbahnstraße gesäumt mit kleinen Bars, Cafés, Souvenirläden, Vintage-Klamotten, Adventure-Fillialen, Plattenläden und Buchhandlungen. Rechts und links verlaufen kleine, teils steile Gassen und führen bergab zum Hafen und zur weltbesten Hotdogbude – weltbest, weil mal Bill Clinton dort einen Hotdog gegessen hat und anschließend meinte, dies sei der beste Hotdog, den er je gegessen habe – und bergauf zu einer grauen Kirche mit Baugerüst drumherum. Reykjavik ist eine bunte Stadt mit dem holzigen Charme eines Wikinger-Fischerdorfes. Nach gut zwei Stunden kehre ich zurück ins Hotel und habe das Gefühl, die Stadt zu kennen. Das ist schon relativ gut überschaubar hier.
Mit einem Shuttle fahren wir zum Busbahnhof, wo unsere Sightseeing- Tour zum Golden Circle beginnt samt Geysiren und Wasserfällen. Im Restaurant am Busbahnhof entdecke ich noch eine isländische Spezialität, den traditionellen Schafskopf. Mmm.
Die Busfahrt ist der Wahnsinn. An dahingeschmolzenen und erstarrten, moosbewachsenen Landschaften vorbei zu den Geysiren. Unterwegs vereinzelte Schafe, Forschungsstationen, Ferienhäuser, Pferde und Pipelines. Links Wasser, rechts Berge. Links blauer Himmel und Fischerhütten, rechts bedrohlich dunkle Wolken und anthropomorphe Gebirgszüge. Herr der Ringe trifft auf Unsere kleine Farm, oder Flipper. Bei den Geysiren dann Hochspannung und Schwefelgeruch, viel Dampf und reichlich Geknippse, begleitet von vereinzeltem Jauchzen in fontänenhafter Regelmäßigkeit. An Gletschern vorbei geht es zu einem Wasserfall. Nein, nicht nur irgendein Wasserfall: Der Golden Waterfall. Einige Selbstporträts vor steilem Abgrund weiter und wir machen schon wieder Halt, diesmal an einem riesigen See und dem Ort an dem sich die beiden tektonischen Platten treffen, einzigartig und seit 2004 UNESCO Weltkulturerbe.
Auf dem Weg zurück zum Hotel erzählt uns die Reiseleiterin noch vom fabelhaften Leben der isländischen Highland-Schafe. Lamm ist in Island eine Spezialität, nebst Walfleisch und Hotdogs. Im Frühjahr werden die Schafe und Lämmer herauf in die Highlands getrieben. Dort verbringen sie den schönen Sommer, fressen sich satt an grasigen Hügeln und sind vollkommen frei, daher der Spruch: frei wie ein Schaf, oder so. Im September und Oktober wendet sich jedoch schlagartig schnell das Schicksal dieser Highland- Schafe, denn da ist Schlachtsaison. Die Schafe und Lämmer werden zurück ins Tal getrieben und landen bestenfalls auf einem Teller, als halber Kopf mit Kartoffelbrei und Karotten garniert in einer Busbahnhofskantine. Mein Sohn war Busbahnhofsspezialität des Monats. Meeeehhheeek. Ich bin gespannt auf das Abendessen.
Im Orange, beziehungsweise im Orange Lab werden wir schon von Visit Reykjavik erwartet und kriegen jeder einen Energiekristall geschenkt, sowie das bevorstehende Abendessen in diesem Tempel für Nouvelle-Cuisine‘ler und Molekularfüchse. Während wir uns und unsere respektiven Medien kurz vorstellen kommt schon eine Vorspeise – eingelegte Lammwürfel in kleinem Metalleimer – an einem Heliumluftballon befestigt an unseren Tisch geschwebt. „So could you please introduce yourselves“, bittet freundlich eine unserer Gastgeberinnen. Nach Berliner Zeitung, De:Bug und Rolling Stone, bin ich an der Reihe. „Hi, I‘m Lev Nordstrom writing for proud magazine from Berlin.“ „What magazine?“ erkundigt sie sich. „Proud magazine“, erwidere ich. „Oh, well you know, we also have a really big gay parade in Reykjavik.“ „Ah, that‘s nice“, sage ich und widme mich meiner dritten Vorspeise. Nach gefühlten zehn Gängen kommt noch ein als mad scientist verkleideter Koch zu uns an den Tisch und bereitet uns mit Flüssigstickstoff gefrorene, dampfende Kokoseisflocken zu.
Wir begeben uns erneut ins Sódóma, trinken Tuborg und horchen erst Klive, dann Kira Kira, zwei Künstler der elektronisch-experimentellen Gegenwartsmusik. Während Kira Kiras Sound leicht verhext daherkommt, klingt Klive eher epochal auf höchst fragile Art und Weise. Beide haben eine verspielt-melancholische und leicht exzentrische Bühnenpräsenz. Ich fühle mich langsam richtig schlapp und beschließe ins Hotel zurückzukehren, gute zehn Minuten zu Fuß durch den Laugavegurschen-Partytrichter. Aus dem Sódóma hinein ins Sodom und Gomorrha. Ich werde begegnet von einem kollektiven Besäufnis. Es regnet. Endlich Regen. Überall strömen schicke junge Menschen umher, rein in Clubs oder Bars, raus aus Wohnungen oder Restaurants, lauthals zelebrierend, pubertierendes Gelächter, kaputte Flaschen und Gläser, laute Musik aus Läden und Autos. Anarchie oder Wikingerwochenende. Ich komme auf mein Zimmer und beschließe direkt wieder rauszugehen. Dank einer zweistündigen Zeitverschiebung ist die Nacht in Reykjavik noch jung. Ziellos irre ich um den Block. Es regnet immer noch. Ich finde einen Laden, der mir gefällt. Von außen: ein kleines rotes Haus in Western-Manier und Pub-Format. Von innen: eine menge Leute, gute elektronische Musik aus Deutschland und drei Bars. Ich bestelle ein Bier und ein Vodka, denn ich bin allein. Noch. Ich gehe nach draußen eine Zigarette rauchen – denn dort fällt es weniger auf, wenn man niemanden zum quatschen hat – und treffe auf Mister Goa, der Hippie aus dem Flieger. Wie alte Freunde, begrüßen wir uns und reden über Schuhe. Irgendwann ist er wieder weg. Ich schiebe mich durch die Massen wieder nach draußen. Skál!
Zur Erholung vom vielen Arbeiten, geht es für uns Journalisten am nächsten Tag in die Blue Lagoon Spa-Anlage. Ehemals war der Ort eine natürlich Anlage bestehend aus heißen Quellen, bis irgendwann ein amerikanischer Tourist einen Herzinfarkt erlitt, unterging und erst einige Tage später in einer unterirdischen Spalte geborgen wurde. Seitdem sind die Quellen weiterhin natürlich, die Anlage komplett durchgestaltet, vom Handtuch bis zum Gift-Shop. Island lebt jetzt mehr denn je, von seinen Touristen. Ein Stunde kämpfen wir uns durch Schlammmasken, heißes, milchig-salziges Wasser, Steamrooms und Massage-Wasserfälle, bis wir gut entspannt und gut durchblutet wieder zum Bus dürfen. Es stehen noch Interviews mit GusGus, Kira Kira und Klive an, danach ein Abendessen und post-sonntägliches Barhopping. Langsam habe ich das Gefühl isländisches Bier hilft gegen die sich scheinbar ewig anbahnende, aber nicht ausbrechen wollende Erkältung. Entweder das, oder ich stehe als Tourist und Musikredakteur eines Berliner Schwulenmagazins unter Elfenschutz. It‘s a hard knock life.
Wir landen am Montag in Berlin. Ich niese. Schönefeld, 19°. Die Frisur hält. Ich habe das Gefühl, über eine Woche weggewesen zu sein. Dank zweistündiger Zeitverschiebung bin ich jetzt gerädert. Als ich vor kurzem Klive und Kira Kira bei ihrem Konzert im Schokoladen, in Berlin-Mitte, erneut Live sehe, überkommt mich gar ein wenig Heimweh. Es bleibt aber trocken.
Am 02.10. bringt der „Nordrid – Iceland Express Musik Klub“ GusGus mit ihrem neuen Album 24/7 nach Berlin und als Begleiter Landsmann Oculus, ein fabelhafter Produzent und DJ. Das Berghain darf sich freuen.