Mit der Ausgabe 26 erreichen wir den Altersdurchschnitt der proud. Viel ist passiert in den letzten Monaten. Jascha, der maßgebliche Motor unserer Ausgabe proud Rio de Janeiro, ist zurück in Berlin. Gemeinsam tüfteln wir an unseren Zukunftsvisionen für die nächsten Monate und Jahre.
Viel Kritik, zwei Bachelor-Arbeiten und Redaktionskonferenzen in verschiedensten Konstellationen geben uns frischen Wind und Ansporn. Die proud bekommt nach langer Zeit gleich zwei neue Chefredakteure: Moritz Stellmacher und Emin Mahrt.
Inzwischen sind wir zu 100% in unserem neuen Büro im tiefsten Neukölln angekommen. Bis auf die Lampen, die seit März in Pappkartons lagern, steht auch unsere Einrichtung. Zeit für eine Einweihungsparty. Mathias Meindl zu Besuch inklusive aller proud Talents ließ uns dann auch gleich unsere Nachbarn kennenlernen. Voll im Berliner Partysommer touren die Talents (Streiflicht, Ente & Wolf, Beatmoertelz, Josia Loos, I love Sunday, Oddvar und Co.) von Party zu Party.
Zusammen mit der Ufer-WG feierten wir als Spaceinvaders am Halleschen Tor und im Freudenzimmer den Abschied von I Love Sunday-Chris, unserem Dauerpraktikanten. Kein Wochenende blieb ungenutzt, wenn wir nicht aus Selbstzweck unterwegs waren, ging es anderen an den Kragen. Gemeinsam mit den Start-ups 6Wunderkinder, BuddyBeers, Unlike Berlin und vielen Anderen, feierten wir die erste “Silicon Allee” Party.
Halb aus Spontanität, halb aus Faulheit uns einen Raum zum Feiern zu suchen, endeten zahlreiche unserer Partys unter Grund. Tiefgaragen , ein verlassener S-Bahn Bogen, die Bärenquell Brauerei (waren Schauplätze. Nicht immer elektronisch gab es auch akustische Einlagen von Black Mistake. Nicht immer lief alles nach Plan. Am Hermannplatz, im 1920 errichteten Ballsaal, dessen Türen lange unbemerkt weit offen standen, wollte trotz einer Expertenrunde von 20 männlichen Stromgenerator-Kennern keiner der beiden Aggregate anspringen.
Glücksmomente gab es kurz darauf zum Open Air mitten auf der Oberbaumbrücke. Stundenlang erweiterte sich die Traube um zwei Aktivboxen und Daniel Penk! Peng!, der die kurz nach 1 Uhr morgens anrückende Polizeistreife mit “Sound of Da Police – KRS One” empfing. Die Lacher auf unserer Seite, (der später freundliche Polizist hatte seine Hand kurzzeitig am Schlagstock) folgten wir der Einladung von Jacob Scheer seinen Schnitzel-Laden (Scheers Schnitzel) zu bespielen – mehr dazu in diesem Magazin.
Der absolute Höhepunkt war jedoch die, dank Euch und unseren Freunden -Muschi Kreuzberg, Radio Skateboards und DEUTSCH Magazin – atemraubende proud Party auf dem Arena Gelände – wer das Video dazu noch nicht gesehen hat, sollte das nachholen.
Als am 12. Juli das Telefon klingelte, legten wir die Arbeit nieder. An der Strippe das Management von Snoop Dogg mit der Frage, ob wir einen Hip-Hop DJ als Pre-Act für Snoop hätten. Keine Frage: Mixmaster, The Eclectic KusKus, Mr. Transatlantic, the one and only Chef der Musikredaktion Lev Nordstrom wurde gerufen – und folgte. Und wir folgten ihm.
Folgen taten wir auch dem Aufruf des Antalya Filmfestivals in der Türkei, das uns einlud unseren 2010/2011 produzierten Film über einen Flaschensammler in Berlin “Para Para (Money Money)” einzureichen. Erst später stellten wir fest, das dafür ein fester Wohnsitz und die Gründung einer Firma von Nöten ist. Noch im gleichen Monat mieteten wir uns mit einem Künstler ein Atelier am Taksim in Istanbul und registrierten proud turkey. Besucher herzlich willkommen.
Während die Bread&Butter an uns vorbeiflog, wir es uns nicht nehmen ließen in die Model-Pools von G-Star zu springen, suchten wir eifrig nach neuen Herausforderungen. Eine war der Hoch-Tief-Bunker am Halleschen Tor dessen Besitzer (spanische Kunstmillionäre) leider nicht zu überzeugen waren ein zweites Berghain zu erschaffen. Eine spontane Party wurde abgeblasen, als sich das Nachbarschaftshaus als Secuitas-Trainingslager herausstellte.
Wir schafften uns einen Hund an. Die gesamte proud Redaktion verausgabte sich beim Umzug der Champagneria, die nach Beschwerden der Nachbarschaft über Lautstärke ausziehen musste. Unser Talents-Manager Bennjamin Gruber trommelte zur Hochzeit mit Birte , der neuen Gruber und Yara feierte einen gelungenes Geburtstags-BBQ auf dem Dach der Neukölln Arcaden.
In diesem Moment befinden sich die proud Talents gemeinsam auf dem Sommer-Spirit Festival, wo sie ihren eigenen Floor bespielen, unser Lieblingsgrafikdesigner und Art Director Vinzent Britz verbringt ein Auslandssemester in London und Dank dropbox.com flattern stündlich neue Designs auf unsere Rechner während Maxim Rosenbauer, der für das proud Party Video verantwortlich ist, im Locho Freibad eine Fotostrecke schießt.
Wir möchten alle ausdrücklich auffordern Kritik und Wünsche zu äußern (030 52136881 / leserbrief@proud.de) und mit uns das Leben zu genießen. Wer kein Bock mehr auf Suchen hat, kann sich ab sofort unter abo.proud.de für ein kostenfreies Abo registrieren.
Viel Spaß mit der Ausgabe
Emin
P.S. Alle Penisse – nicht weil wir es wollten, sondern weil wir es mussten – wurden zensiert.
mich treibt die Frage um, ab wann man eigentlich ein Deutscher ist? Per Gesetz: sobald man einen deutschen Pass besitzt. Das kommt aber für einen per se Staatenlosen wie mich gar nicht erst in Frage. Ich komme aus dem Weltall und irdische Reisepässe werden dort im besten Fall verspottet. Es reicht doch, dass man mir die Rasse am Pelz ablesen kann. Welchen Menschen interessiert es, aus welcher Region meines Heimatplaneten ich stamme. Ihr könnt die Unterschiede der Brust- und Schulterbehaarung ohnehin nicht erkennen.
Die Frage nach der Identität wird mit einem Pass ohnehin nicht beantwortet. Der von Euch dezent betonte Migrationshintergrund relativiert ohnehin jede Staatsangehörigkeit. Willkommen in Deutschland. Deutsch im Herzen ist man also nicht, sobald man hier wohnt, hier zum Bürgeramt geht und hier wählen darf. Das heißt nicht, dass man dadurch zwangsläufig deutsch ist. Nein, erst wenn man es so macht wie die Deutschen, ist man das auch. Wie macht man es aber wie ein Deutscher? Es gibt dafür leider keine brauchbare Anleitung.
Wo ist die Leitkultur hin?
Der Köbes, der seinen Oachkatzlschwoaf am Backfisch reibt dafür uffjehangen wird, weil es laut Sex-Statistik nach 3,1 Tagen wieder mal für 17 Minuten heiß hergehen sollte, ist – sprachlich gesehen – eher eine Reise durch das gesamte Bundesgebiet als eine altersübergreifende Liebesgeschichte. Aber wer kennt sich schon in allen Dialekten der vier Himmelsrichtungen aus? Die Suche geht also weiter. Der Heilige Gral dieser Nachforschung wird mit Wasser gefüllt sein. Deutschland ist immerhin das Land der Wässer: Die Anzahl der Tafel-, Mineral- und Heilwässer sowie Quell- und Sodawässer lässt jeden Touristen erstaunen. Unendliche Definitionen hält die Mineral- und Tafelwasserverordnung dafür bereit. Das ist also deutsch. Ein Wasser müsste ich sein, kein Haarmonster. Dann hätte ich auch sofort eine deutsche Partnerin: die hässliche Einwegpfandflasche aus dünnem Plastik, gegebenenfalls Plaste.
Warum in die Nähe schweifen? Sieh das Deutsche ist so fern.
Deutsche machen Urlaub auf Mallorca. Das ist klar. Auf der Wurststraße Wurst sein. Als Zeichen meiner Verbundenheit zu dem deutschen Volk trage ich also Espandrilles, die Schuhe der Mallorquiner. Ich trage sie dieses Jahr zum ersten Mal, denn ich folge den Trends üblicherweise erst, wenn sie nach dem zweiten Aufwärmen am Abklingen sind. Als Alien halte ich mich grundsätzlich nicht an die aktuellen Moden der Erde. Da könnte ja jeder kommen! Espandrilles waren das erste Mal in den 80ern voll trendy, seit einigen Jahren sind sie dafür hip. Wer was auf sich hält, der trägt Espandrilles.
Aber welche sind die echt-deutschen Espandrilles?
Sind sie ein- oder mehrfarbig, mit angeklebter Vollgummisohle, nur ein bisschen Gummi oder ohne Klebesohle, sodass man direkt auf der Faser läuft, die wahlweise hand- oder maschinengefertigt ist? Soll man sich für 15 bis 25 Euro Espandrilles kaufen oder für 300 Euro von Edelmarken, die damit ein Zeichen des Downgradings statuieren? Darf es vielleicht das Wegwerfprodukt für 5 Euro sein, wie es sie bei Nanu Nana, dem deutschen Nippesschuppen Nummer 1 gibt? Dessen Besitzer hat übrigens aus auf der Ferieninsel Nummer 2, Sylt, den Namen Nanu Nana erfunden, als er dort als Hobbyfotograf die damals Reichen und Schönen ablichtete. Soviel zur Leitkultur. Nur meine Frage beantwortet sie nicht.
Vielleicht ist es die althergebrachte, deutsche Ignoranz, die als Reaktion auf Neues und Unbekanntes reflexartig hervortritt. Reflexe sind immerhin Reaktion, die das Gehirn quasi überspringen. Dunkle Haut und Haare – muss türkisch sein. Fernseher kaputt – muss an den Chinesen liegen. Mauerbau – waren die anderen. Migrationsprobleme – sind die anderen. Behaart Monster – ist ein Penner. Danke.
Mit dieser Ignoranz wird es sich aber nicht weit gehen lassen. Denn dem deutschen Michel werden sich seine „Espandrijo-Latschen“ vom Fuß lösen, sobald ein Platzregen das Gemüt reinigen will. Das ist der Sommer 2011. Espandrilles sind höchst wasserempfindlich. Werden bei eindringlichem Kontakt hart, lösen sich auf und fangen an zu riechen.
Schick, einfach, unbeständig. Das ist mein Ergebnis zur Leitkultur, wo man diese auch immer finden mag. Willkommen in Deutschlands Spätsommer 2011.
Andere werden langsam wahnsinnig, ich schnell. Das letzte Gespräch ließ viele Fragen offen, doch eines steht fest: Wir werden uns nicht mehr sehen. Mein Handy, ein Relikt, das auf der Funkausstellung zusammen mit dem Farbfernsehen vorgestellt wurde, hat mir zuliebe schon eine Selbstschutzfunktion entwickelt. Verpasste Anrufe werden gar nicht erst angezeigt. Das blaue Netzwerkmonster lässt mich aber nicht allein mit meiner Herzscheiße und zeigt mir ständig ihre neuen „Freunde“. Auf den Profilbildern wirken die so, als würden sie vor der Arbeit in der Werbeagentur noch mal eben schnell irgendwo Windsurfen gehen. Die letzten Sachen habe ich, unter den peinlich berührten Blicken der Mitbewohner, in einem Wäschekorb vor ihrer Zimmertür abgestellt. Sowas nennt man dann wohl den „letzten Akt“. Wäre ich ein Fernsehsender, würde bei mir permanent eine Spendenkontonummer durch das Bild laufen.
Alle sagen, dass es vorbei geht und dass überhaupt alles nicht so schlimm sei. Jaja. Ich sage: Vielleicht sollte ich mal wieder in eine Kneipe gehen! Sofort. Heute Abend. Kein selbst ernannter Szeneladen mit unverputzten Wänden, Koks auf den Toilettenablagen und Mojito für 8,50, sondern eine ehrliche, leicht zweifelhafte Trinkstätte.
Der vorprogrammierte Absturz meiner Wahl heißt „Bierhaus Urban“, befindet sich keine Kippenlänge von meiner Wohnung entfernt und hat seit 25 Jahren geöffnet. Durchgängig. Das muss man sich mal vorstellen! Alles, was in der letzten Dekade passiert ist, wurde hier zwischen zwei Pils und drei Kurzen irgendwie so durchgewunken. Maueröffnung, 9.11., Fußballweltmeisterschaften. Wer hier herkommt, dem ist Vieles ziemlich egal. Diese zur Schau getragene Unaufgeregtheit und die Aussicht auf eine hemmungslose Jukebox-Session lassen mich auf einen guten Abend hoffen. Joe Cocker, Grönemeyer und Rick Astley – gerne auch in dieser Reihenfolge. Das Bier ist dasselbe wie woanders auch.
Als Alleintrinkender ist die Platzwahl an der Theke elementar wichtig, denn sie entscheidet über die nächsten Stunden. Ich nehme auf einem modrigen Barhocker neben einem Mann Platz, der so aussieht als würde er Bernd heißen und die Nase voll hat von allem. Bernd trinkt Cognac, raucht Pall Mall ohne Filter und trägt eine speckige Taxifahrer-Lederjacke. Sein Bauch wallt sich wie ein unaufgepumpter Medizinball über den Hüftansatz seiner Bundfaltenhose. Bernd sieht so aus, wie ich mich fühle.
Am Tresenende erkenne ich durch die Rauchschwaden noch eine weitere Schicksalsgemeinschaft. Zwei Männer, Typ Umzugshelfer oder frisch aus dem Knast entlassen, und eine rotwangige, matronenhafte Blondine mittleren Alters, deren dunkles Geheimnis ich nicht wissen möchte. Am Ende landen alle hier denke ich und bestelle ein Hefeweizen. Eigentlich finde ich Hefeweizen schrecklich, schon alleine wegen des Glases. Dieser sperrige Alkohol-Pokal sieht bescheuert aus und kann nur in bayrischen Biergärten ungestraft getrunken werden. Aber irgendwas muss sich ja ändern in meinem Leben! Gerne würde ich mich jetzt betrinken, aber Lust dazu habe ich nicht, nur dumpfe, karge Scheißgefühle, ganz langsam breiten die sich aus, gemischt mit Angst vor dem unangeleinten Hund, der vor dem Eingang zu den Toiletten sitzt, dem Finanzamt, meiner Telefonrechnung, dem heillosen Wäschechaos in meiner Wohnung, der ganzen Welt eigentlich. Fatalistisches Betrinken geht wohl anders.
Nach einer gefühlten Ewigkeit des wortlosen in-mich-hinein-Denkens stehe ich auf und gehe zur Jukebox. Für mein Empfinden läuft hier gerade ein mehrstündiges Queenstück gesungen von Claus Kleber und zumindest das kann ich ändern. Ich versuche mein Glück im Ordner der „200 besten Rocksongs aller Zeiten“. Musikalisch eine Gräueltat und aus ästhetischen Gesichtspunkten in einem Regal mit Bademänteln von Tchibo. Egal, „Summer of 69“ geht immer. Damit wurden zu meiner aktiven Fußballzeit immerhin ganze Weihnachtsfeiern bestritten und mit Besenstielen bewaffnet Luftgitarre auf der Theke gespielt.
Bei den ersten Zeilen des Gassenhauers erkenne ich, wie Bernd den Text schwankend in sich hinein murmelt und die Bardame anerkennend nickt. Peaktime im Bierhaus Urban. In der Panoramabar wäre jetzt der Moment gekommen, wo sich die Jalousien öffnen und sich vorher unbekannte Menschen in den Armen liegen. Zeit zu gehen. Ich bezahle lächelnd, und noch bevor der kanadische Weichspüler zum finalen Solo ansetzt, bin ich verschwunden. Ich fühle mich ein bisschen besser als scheiße und verbuche den heutigen Abend als Gewinn auf meinem Karmakonto. Plötzlich klingelt das Handy. Meine Gedanken machen schlagartig einen U-Turn bei voller Fahrt in den Gegenverkehr. Sie ist es nicht, doch ich bin erleichtert. Wenn man mal wieder mit seinen Eltern telefoniert, weiß man, wo der Wahnsinn wirklich zuhause ist.
Daniel Penk! Peng!
Grafik: Vinzent Britz & Martin Köhler
Mit diesem wunderbaren Mandala auf dem Rücken wurde ich von gleich 5 U-Bahn Sheriffs, harsch und ohne Ansprache, bei ganz ruhigem Verhalten, zum Verlassen des Bahnhofs aufgefordert. Mein Hilferuf bescherte mir gleich zwei T-Shirts, worauf diese jungen Männer den Bahnhof verlassen sollten.
Nach Umleeren eines BVG Mülleimers in einen Anderen, unter aller lautestem Protest und Verfolgung der Sheriffs, stülpte ich mir den stinkenden Müllsack über den Kopf und schrie, und jetzt fahre ich U-Bahn, oder bin ich etwa noch nackt?
Der ganze U-Bahn-Schacht war voller Solidarität und lauthalsem Gelächter gefüllt. Mein auf dem Boden liegendes Fahrrad wurde von Jungs, mir nach, in die sehr volle Bahn gehievt, und unter Deckung der Zugang zur Bahn freige- geben.
Die Sheriffs mussten mich samt Fahrrad verschwinden sehen. Bei dem gesamten Geschehen wurden nette Fotos geschossen, die nasse, stinkende, klebrige Plastikbekleidung hatte mir einen Platz zum Foto-Shooting in der Bahn verpasst.
Obgleich es ein heiden Spaß war, hat es mich zu Anfang der Geschichte geschockt, mit welcher verbalen Härte und welchem Personalaufwand mir friedlichen, mit heiligen Zeichen be- malten, zahlenden Bahngast begegnet wurde.
Ich habe ihnen noch zugerufen, das sie einen guten Job haben, ihn dann bitte auch gut machen sollen. Nach der Fra- ge, ob sie den Rausschmiss ernst meinen, war die Antwort: ganz ernst, tot ernst ohne Diskussion. Und jetzt ver- lassen Sie den Bahnhof!
Es kommt dann doch eher selten vor, dass ich mir für ein Interview mit einem DJ den Wecker stellen muss. Ich treffe David August um 11 Uhr am Wrangelkiez, wo er auch seit einiger Zeit wohnt. 2010 landete er mit „Moving Day“ einen veritablen Hit und sein differenziertes Musikverständnis spiegelt sich in seinen weltweiten DJ-Sets fein strukturiert wieder. Neben seinem Hauslabel „Diynamic“ hat er bereits auf „Stil vor Talent“ und „Cocoon“ veröffentlicht. Nicht gerade die schlechtesten Adressen und man könnte meinen er wäre schon ewig dabei. David August ist vor Kurzem 21 Jahre alt geworden. proud trifft einen der hoffnungsvollsten deutschen Produzenten und DJs.
Ursprünglich kommst Du aus Hamburg. Warum bist jetzt nach Berlin gezogen?
Ich bin nach Berlin gezogen, um hier zu studieren. Ich habe seit April 2011 ein Studium zum Tonmeister angefangen. Darauf habe ich mich in den letzten 1,5 Jahren bereits vorbereitet, dieses Ziel hatte ich immer im Hinterkopf. Jetzt läuft alles und ich bin sehr glücklich.
Du bist mittlerweile so bekannt, dass es durchaus eine Option gewesen wäre, ausschließlich auf die Musik zu setzen. Hast du nie mit dem Gedanken gespielt?
Ich lebe ja auch davon, dass ich den Job als DJ aussübe. Ansonsten könnte ich mir das Leben in Berlin gar nicht leisten. Mein Studium erfüllt mich aber genauso. Ich mache kein trockenes BWL-Studium, wo ich mein Hobby pflegen muss, wenn ich am Wochenende unterwegs bin und am Montag dann in eine andere Welt eintauche. Sowas könnte ich nicht. Die beiden Teile meines Lebens harmonieren sehr gut. Besser geht’ s nicht!
Wissen deine Kommilitonen, dass du als DJ und Produzent unterwegs bist?
Ja, das ist witzig, die haben das so Stück für Stück mitbekommen, dass ein David August auf der Uni ist. Vielleicht ist es etwas Besonderes, was ich mache, aber auch viele andere dort sind sehr gut in ihren Bereichen und außerhalb der Uni musikalisch aktiv. Da sehe ich mich nicht in einer Sonderrolle.
Im Internet habe ich nicht so viel zu dir gefunden, aber bemerkenswert war, dass sich die meisten Artikel immer dein junges Alter thematisierten. Nervt dich sowas mittlerweile?
Generell ist es sicher ein Bonuspunkt von mir in einem Business erfolgreich zu sein, in dem doch die meisten älter sind als ich. Was mich eher nervt, sind die vielen alten Pressetexte, die immer noch von mir überall veröffentlicht werden. Auf der Cocoon-Compilation ist z.B. ein Text von 2008. Es wird also Zeit für neue Releases…
Dein Track „True Romance“ ist auf der Cocoon-Compilation. Für viele Künstler ist das eine Art Ritterschlag. Wie ist es dazu gekommen?
Ich wollte Diynamic immer als Homebase behalten, aber hatte auch schon überlegt auf anderen Labels zu veröffentlichen. Kurz vor dem Release der Compilation fragte mich Cocoon dann nach einem Track. Ich habe mich 2 Tage eingeschlossen und stand zeitlich ziemlich unter Druck. Bei diesem Track ist genau zur richtigen Zeit das Richtige passiert. Bei der Produktion fällt man dann wie in eine Art Trance und merkt gar nicht, wie schnell man fertig wird. Wenn der Flow stimmt, kann man einen Hit in 2 Stunden realisieren.
Da war es so, dass ich Solomun die Vorversion des Tracks als Vorschlag für einen Bonustrack meiner EP schickte. Zunächst behandelte der Track zwei verschiedene Themen und sein Vorschlag war nur eines der beiden Themen zu nehmen, einen Höhepunkt herauszuarbeiten und alles stimmiger zu machen. So ist dieses Stück dann entstanden. Dass es dann so groß werden würde, damit habe ich nicht gerechnet.
Gab es einen speziellen Moment für dich, den du speziell mit diesem Lied verbindest?
Ich bekomme jetzt schon Gänsehaut, wenn ich daran denke. Das war auf der 5 Jahres Party von Diynamic in der Panoramabar und mein bislang einziger Auftritt dort. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen den Track dort nicht zu spielen, weil er mir damals schon zu alt erschien. Natürlich ist es immer verlockend, weil ich weiß, wie gut der Track ankommt. 5 Minuten vor Ende meines Sets ging ich dann zu Solomun und fragte ihn, ob ich es machen soll. Er sagte: „Mach es!“, und die Panoramabar flippte kollektiv aus. Es war eine einzigartige Atmosphäre und ich hatte Tränen in den Augen. Das war mein „Moving Day“ Erlebnis.
Du bist schon sehr jung hinter die Turntables getreten. Hat es überhaupt jemals eine Zeit als Clubgast für dich gegeben?
Mit 15, 16 war ich schon oft mal unterwegs. Allerdings nicht in Clubs, sondern eher bei Abipartys. Die Musik stand da natürlich nicht im Vordergrund. Da lief David Guetta Elektro und es ging eher darum das hübsche Mädchen aus der Paralellklasse kennenzulernen. Eine richtige prägende Clubzeit hatte ich nicht. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich das nicht brauche. Seitdem ich in Berlin wohne, war ich auch nur einmal privat in einem Club. Vor einigen Wochen bei Heidi’s Jackathon Party im Watergate. Solomun hat ein wirklich tolles Set auf dem Waterfloor gespielt und es hat auch viel Spaß gemacht. Ansonsten treffe ich mich aber lieber mit meinen Freunden oder fahre nach Hamburg. Die Party während meiner eigenen Gigs reicht mir vollkommen aus.
Solomun hat dich sehr in deiner Karriere unterstützt. Wie kann man sich das Verhältnis innerhalb von Diynamic vorstellen?
Es ist auf jeden Fall mehr als nur ein Arbeitsverhältnis. Wir sind alle mittlerweile ziemlich zusammen gewachsen, auch wenn ich erst seit etwas mehr als einem Jahr dort bin. Ich freue mich immer wenn Solomun und David August zusammen auf einem Flyer stehen, weil wir dann meistens back 2 back auflegen. Privat und musikalisch verstehen wir einfach sehr gut. Ich habe einen italienischen Backround, er ist Halbkroate und Adriano ( Diynamic, Anm. Red.) ist auch Halbitaliener. Vielleicht ist es dieser mediterrane, südeuropäische Flair, der uns nochmal von anderen Labels unterscheidet. Wir verstehen uns alle sehr gut.
Ihr habt einen sehr charakteristischen Sound in den Clubs etabliert. Kann man schon vom Diynamic Trademark Sound sprechen? Wie siehst du das?
Solomun würde sich freuen, wenn er das hört! Das ist für ein Label natürlich das Beste. Bei mir war es so, dass ich mich ab einem bestimmten Zeitpunkt hinterfragt habe, wer ich denn eigentlich bin und für was ich stehe. Ich bin jetzt nicht mehr der David, der damals „Trumpets Victory“ gemacht hat. Wenn ich den höre, erkenne ich mich nicht mehr darin. Mit Vielen meiner früheren Releases kann ich mich nicht mehr identifizieren, auch wenn sie Teil meiner Geschichte sind. Ich war sehr jung und man merkt, dass ich keinen roten Faden verfolgt habe. Wenn man sich beispielsweise die Karriere von Stimming ansieht erkennt man sein klares Soundkonzept viel besser als bei mir. Momentan bin ich, im Zuge meiner Albumproduktion, einen Sound zu entwickeln, für den ich längere Zeit stehen kann.
Mit welcher Ambition gehst du heute in ein DJ-Set?
Ich verfolge meist ein klares Soundkonzept. Ich versuche mit Gefühl und Soul den Arsch zum Wackeln zu bringen. Ich mag Musik, die sexy ist und einen gewissen Sexappeal hat. Man hört es auch bei Solomun oder bei H.O.S.H. Wir mögen es cool, groovy und sexy. Natürlich muss man auch immer darauf achten, wie die Leute reagieren. Ich habe letztens in Spanien auf einem Festival gespielt. Der DJ vor mir hat so ca. 130 Bpm gespielt mit sehr vielen Effekten. Die Leute haben zwar schon getanzt, aber richtig glücklich schienen die auch nicht zu sein. Ich habe dann nach ihm mit einem ziemlich langsamen Intro angefangen und es wurde noch nie so schnell leer bei mir. Das war wirklich der Hammer. Nach 5 Minuten waren noch 10 Leute auf dem Flor und das bei einem Festival. Ich dachte mir: “David, damit musst du jetzt leben”, aber ich wusste dass ich mit dem Tempo so runtergehen musste, damit meine härteren Sachen einen Eindruck hinterlassen. Hätte ich meinen härtesten Song direkt nach seinem Gebretter gespielt, hätte das überhaupt keinen Effekt gehabt. Nach dem Intro standen wirklich nur noch 5 Leute da. Nach einer Stunde war es dann aber dreimal so voll wie bei dem DJ vor mir. Man muss versuchen den Leuten die Musik zugänglich zu machen. Hätte ich versucht mit diesem Typen mitzuhalten, hätte das dahin gehend keinen Sinn gemacht. Das war etwas, was ich früher als Gast auf Partys nie verstanden habe. Wenn der Hauptact angefangen hat zu spielen und es etwas langsamer wurde, wollte ich immer Partymusik hören. Damals war ich gerade 16 Jahre alt. Mittlerweile sehe ich das anders.
Für mich ist das ein Job, der sich ab einem gewissen Alter dem Ende zuneigt. Die Szene ist sehr jung und ein älterer DJ hat bei einem Publikum von 18-27 jährigen einfach nichts zu suchen. Mein Ziel ist ein Job in der Musik auszuüben, aber nicht das Deejaying. Durch mein Tonmeister Studium bin ich da glaube ich schon auf einem sehr guten Weg.
Das Album wird 2012 erscheinen. Kannst du schon etwas darüber verraten?
Das Album wird viele Leute ziemlich schocken. Es wird Musik sein, die man nicht von kennt und so vielleicht auch nicht erwartet hätte. Viele Tracks werden sehr langsam sein, teilweise unter 100 BPM. Wie schon gesagt, braucht man keine Geschwindigkeit um einen Club zum Rocken zu bringen. Das Album wird stark in diese Richtung gehen und ich werde es als Liveact umsetzen, auch wenn wahrscheinlich nicht alle Tracks dabei zum Einsatz kommen werden. Es wird ein Konzeptalbum, das man auch zu Hause hören kann.
In der Soberdose werden keine illegalen Drogen besprochen. Bei dem Konzert von Snoop Dog kommen unsere Gastautoren Pypi Vogel und Mosche Kreuzberg jedoch nicht um den Konsum vonTHC herum. Die Autoren bitten um Nachsicht!
Pypi: Snoop ist in Berlin. Aber Snopp Dogg hat Angst vor Kreuzberg. Lev ruft an. Levs Anrufe sehen so aus: „Ey, meinst du, du hast / du kannst / du willst…?“ Aber es geht los mit: „Äh… du… also ich hab einen Anruf bekommen…“ Okay – “Also… ich werde vor Snoops Show als Opener in der Columbiahalle auflegen.“ Jubel auf beiden Seiten der Leitung. Fashizzle – nochmal! Alle sind aus dem Häuschen und wir…
Mosche: Alter, komm auf den Punkt!
Pypi: Was ist denn mit dir? Egal! Ab in die Columbiahalle. Sie feiert ihren 60. Geburtstag, und leistet Berlin seit 13 Jahren treue Dienste. Da hat Snoop bereits sein drittes Album draußen. Die ersten beiden Alben kamen bei Death Row heraus…
Mosche: Ist okay, Pypi! Das erste was ich dort sehe, ist ein ausgeleuchteter Brezelstand. Pfui, Alter. Bier war klar, aber weiche Brezeln – Teigmasse? Bei Snoop wurden dicke Brezeln gegessen, das sagt alles.
Pypi: Vom Eingang mit der Fressmeile kämpfen wir uns in die erste Reihe; wollen Lev von vorne aus supporten. Unser Versuch wird in der vierten Reihe gestoppt. Mosche bleibt stehen. Er ist eine Plage.
Mosche: Danke, du kleine Prinzessin! Als mir ein Aggro-Atze in die Rippen boxt bleibe ich – natürlich – stehen. Ich lächle den Typen an, er ist zwei Köpfe kleiner als ich. Auch gut. Pypi motzt: Wir würden auch nach dem DJ wieder weggehen. Trotzdem bleiben wir genau dort stehen.
Pypi: Kaum geht es los, heulen die Mädchen neben uns auf: „Boah ist das laut, ey!“. Lev macht sein Set, heute als Mr. Transatlantic. Wir feiern aber Mr. White Chocolate, er ist nämlich Opener von Snoop! Party on, wir bouncen. Als er nach seinem Feierabend zu uns kommt, hat er Snoop nicht einmal backstage gesehen. Der wäre hermetisch abgeriegelt. Hat Snoop Angst vor Kreuzberg?
Es wird heiß, die Gäste werden unruhig und Snoop Doggy Doggs DJ spielt einen einstündigen Hip Hop-Mix von der CD ab. Doch die Leute wollen Snoop live, nicht Hip Hop-Mix von der CD. Alle ziehen Fressen, es wird unruhig.
Mosche: Snoop hat Angst vor Kreuzberg! Gäbe es Glasflaschen, dann würde ich die jetzt auf die Bühne werfen. Als wir uns entschließen zu gehen, kommt Snoop endlich mit großem Tamtam auf die Bühne. Immerhin. Tiefer Sound und eine atemberaubende Beleuchtung und wir werden Teil der Show. Ich kann mich nicht satt sehen. Da ist zum Beispiel der füllige Bodyguard im besten Alter. Mit spiegelnder Glatze, wachen Augen und gepflegtem Schnauzbart steht er in seinem Zweireiher wie ein Wachhund hinter dem Lautsprecher auf der Bühne. Regungslos schaut er sich das Publikum an, eine Motown-Traumrolle in der großen Snoop-Show. Alles funktioniert, wir jubeln und freaken und doch – wir sehen eine Hollywood-Inszenierung auf Riesenleinwand.
Pypi: Echt mal, wir atmen nicht die gleiche Luft mit Snoop. Es ist eine komplett surreale Situation. Da steht plötzlich das Jugend-Ghetto-Idol live auf der Bühne, Warren G kommt vorbei, als wäre nichts gewesen, aber aber alles ist hier Puppentheater. Ein bisschen „I say this and you say that“ ist alles an Interaktion mit uns. Wahrscheinlich würde er uns auch weiter animieren, wenn wir ihn nur still und stumm anglotzen würden. Es ist wie auf einer DVD. Mal abgesehen, dass er uns ständig zum Grasrauchen auffordert und dabei übersehen haben muss, dass die sehr wichtigen Sicherheitsleute mit Solarent- Chick und Pumperbody an der Tür Tabakbeutel filzen und das gefundene Gras rigoros wegwerfen. Die Columbiahalle ist ja offiziell rauchfrei. Einen Tag später berichtet die Berliner Presse, dass die Columbiahalle selten so verraucht gewesen wäre. Schon klar.
Mosche: Tolle Show, merkwürdiges Umfeld! Zum Schluss ein grauenhaftes Schwanzfinale. Snoop zeigt wie down er mit Kreuzberg ist und holt den musikalischen Penis aus der Hose: „Sweat“ featuring Guetta. „All the girls sing this!“ fordert er und alle Girls krächzen ihm halblaut irgendwas entgegen. „All the boys sing that!“ und alle Boys prollen jaulend wie wilde Hunde. Die Mädchen Mauerblümchen, die Jungs Gorillas – zu viel Schwanz für alle.
Pypi: I wanna make you sweat, das ist einfach eine miese Ansage. Alter, pack den Penis wieder ein! Damit finanziert er doch nur seine Rente. Puppentheater! Bis zum letzten Lied sogar ein gekonntes Puppentheater, aber immer noch Theater. Danach sind wir ohrtot.
Mosche: Ja, das ist krass. Ich nenne dich zum Test sogar Schlampe, aber du
kriegst nichts mehr mit. Zweimal sogar, biatch!
Pypi: Was bitte?! Du Assi.
Wer Snoop in der Columbiahalle verpasst hat, sollte sich einen Beamer mit Soundanlage holen und seine Homies zu einem Youtube-Abend einladen. Die Show wird funktionieren.
Vor einiger Zeit, bei einem von unseren unzähligen Interviews mit Berliner DJ-Größen, wurde die Frage gestellt: “Was macht eigentlich eine gute Party aus?”, die Antwort des DJs: “Die Pille macht die Party”. Das war irgendwie unbefriedigend. Aber Drogen, angefangen bei Bier und Kippen, bis zu illegalen Substanzen, sind auch in meinem Bewusstsein fest im Partykontext verankert und ausschlaggebend für die besondere Dynamik, die das “feiern” vom Alltag unterscheidet.
Feste und in einem gewissen Maß auch Drogen sind wichtige Katalysatoren für das Sozialverhalten.
Menschen haben natürlich schon lange bewusstseinsverändernde Substanzen eingenommen und Feste gefeierte bei denen, die im Alltag herrschenden Konventionen endlich gebrochen werden dürfen. Trotzdem, irgendwie sind wir anders.
Berlin hat Standortfaktoren, die das Erschaffen einer Welt begünstigen, die sich sehr von ihren Vorgängern unterscheiden. Das Leben in Berlin ist billig und es gibt tatsächlich immer eine Party.
Anders als bei anderen Generationen, den meisten Ländern und Metropolen, ist in Berlin das Verhältnis zwischen Arbeit und Lebensqualität einzigartig günstig. Was den Berlinern einerseits große Freiheiten einräumt, andererseits aber auch ein hohes Maß an Eigenverantwortung abverlangt, der einige nicht gewachsen sind. Mit etwas Geld vom Staat einem Nebenjob und ein paar Kontakten ist es leicht den Großteil der Woche zu “verfeiern”.
So werden Feste, die eigentlich Ventil und Zäsur des Alltags sind, zum Alltag selbst.
Den Reiz der Feste, die alltägliche Grenzüberschreitung und kritiklose Selbstverwirklichung ist vor allem der Einnahme selbstbewusstseinserweiternder und Angst hemmender Drogen zu verdanken.
Es wird viel erlebt, man lernt viele Leute kennen und erzählt Freunden Dinge, die man ihnen im Alltag nicht sagt. Die Hemmschwelle für soziale Interaktionen ist sehr gering, darum passiert so viel. Aber man feiert mit gedopter Persönlichkeit.
Es wird im Anderen ein Bild der eignen Person erzeugt, das selbstständig, nicht aufrechtzuerhalten ist. Als ich neulich einen Freund fragte, ob seine Bekannte immer so schlecht drauf ist, meinte dieser – “sie lacht nur, wenn sie feiert”. So entstehen viele oberflächliche Bekanntschaften, die selten den Weg in den Alltag schaffen und oft der eigenen Profilierung dienen.
Das Selbstbewusstsein ist künstlich und kann den Alltag zwischen den Festen allmählich nebensächlich oder gar zur Hölle machen. Bei Feiern werden die Probleme im gemeinschaftlichen Konsens ausgeblendet, um die Atmosphäre nicht zu zerstören.
Es entsteht ein Wettbewerb darum, wer am ausgiebigsten feiern kann, ohne dabei seinen Alltag zu stark in Mitleidenschaft zu ziehen. Oft ist es dieser Anschein, der Außenstehenden die Entscheidung zum Konsum so leicht macht, da die Folgen nicht einzusehen sind.
Der Übergang zwischen gelegentlichem Konsum zum festen Bestandteil des Lebens kann man nicht immer wahrnehmen. Das Zitat “Wenn man aufhören kann, will man nicht. Wenn man aufhören will, kann man nicht.” trifft hier leider oft genug zu.
Der Einstieg zu härteren Drogen ist gerade in der Berliner Clubszene sehr leicht, weil der Konsum inzwischen ein fester Bestandteil der Feierkultur geworden ist. Das Bild des Drogensüchtigen hat sich verändert, Abhängige verkehren im selben Milieu und sind nicht mehr die gesellschaftlich geächteten Junkies aus der Generation unserer Eltern.
Jeder kennt sich selbst und seinen Körper natürlich am besten und ein erhobener Zeigefinger hat in solchen Fällen noch nie etwas genutzt. Es ist aber sicher nützlich über das eigene Konsumverhalten, ob es jetzt Alkohol oder Härteres ist, zu reflektieren und die Verknüpfung Party und Drogen etwas aufzulockern. Im Anschluss wollen wir über eine der gängigsten Partydrogen etwas Aufklärung leisten.
Text Moritz Stellmacher
Hallo Prof. Quednow, stellen Sie sich doch kurz vor und erzählen uns, woran Sie gerade arbeiten.
Mein Name ist Boris Quednow, ich bin Assistenzprofessor und Arbeitsgruppenleiter an der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. Ich habe zunächst Pharmazie und dann Psychologie studiert und interessiere mich vor allem für die Neuropharmakologie psychischer Prozesse und damit zusammenhängend forsche ich über die Folgen des Konsums illegaler Substanzen. Ein Schwerpunktthema ist seit langem Ecstasy, ich habe über die Folgen des Konsums promoviert, damals noch in Bonn. In der Folge habe ich eine weitere große Ecstasy-Studie hier in Zürich durchgeführt, die aber momentan noch nicht publiziert ist.
Was ist MDMA und was löst es chemisch, psychisch und physisch aus?
MDMA ist ein substituiertes Amphetaminderivat, das heißt, die Grundstruktur ist ein klassisches Amphetamin, das etwas verändert wurde. Diese kleine Veränderung bewirkt aber, dass etwas ganz anderes passiert als beim reinen Amphetamin. Die Wirkung sieht so aus: Stellen sie sich eine synaptische Reizübertragung vor, d.h. an einer Synapse, wird ein Botenstoff ausgeschüttet, der über den synaptischen Spalt zur gegenüberliegenden Membran der nächsten Nervenzelle wandert und dort an Rezeptoren bindet, wodurch die Information weitergeleitet wird. An der Membran der Synapse befinden sich Transporter, die normalerweise dafür sorgen, dass der Neurotransmitter, der ausgeschüttet wurde, auch wieder zurück aufgenommen und damit sozusagen recycelt wird. Diese Transporter werden vom Ecstasy nun bei einem bestimmten Botenstoffsystem, dem Serotonin-System, nicht nur blockiert, sondern praktisch umgedreht. Dieser Mechanismus führt dazu, dass ein Großteil des gespeicherten Serotonins ausgeschüttet wird und für längere Zeit im synaptischen Spalt verbleibt. Die Wirkung führt vor allem zu einer Antriebssteigerung wie auch zu starken emotionalen Veränderungen und. Diese zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass es oft zu einer starken Verringerung von Ängsten kommt und gleichzeitig ein emotionales Sichöffnen möglich wird. Deshalb wird diese Substanz auch zu der Gruppe der Entaktogene gezählt. Diese Substanzklasse hat man geschaffen, weil man eine Wirkung beschreiben wollte, die zwischen den Stimulanzien und Halluzinogenen liegt. MDMA hat von beidem etwas. Es hat eine ganz leichte halluzinogene wie auch eine stimulierende Wirkung. Es hat aber als darüber hinausgehende Qualität einen starken emotionalen Effekt und eine starke Euphorisierung.
Wenn sie von Ecstasy reden meinen sie da auch MDMA, ich meine es gibt ja einen Unterschied vonMDMA und Ecstasy und bei Ecstasy weiss man ja weniger, was da drin ist.
Tatsächlich waren über einen ganz langen Zeitraum, fast über die zweite Hälfte der Neunziger und über die erste Hälfte der 2010er Jahre, die Ecstasy Pillen sehr rein. Das heißt, dass über 95% der Pillen ausschließlich MDMA enthalten haben. Das unterdessen die Pillen tatsächlich weniger rein geworden sind, ist ein Problem der letzten fünf bis sechs Jahre, in welchen immer öfter bestimmte Beimengungen aufgetaucht sind. Das mag zum einen daran liegen, dass ein Grundstoff, den man zur MDMA-Herstellung benötigt, das Safrol, schwerer zu beschaffen war, da die USA großen Druck auf Länder wie China ausgeübt hat und so das Safrol, nicht mehr so einfach von den Drogenlaboren eingekauft werden konnte. Mittlerweile hat sich die Lücke wieder geschlossen und das Safrol kommt heute wahrscheinlich aus Westafrika. Zumindest in Zürich gibt es daher momentan wieder den Trend hin zu reineren Pillen. Auch wenn die Ecstasy-Pillen erstaunlich rein sind, besteht nach wie vor das Problem, dass es natürlich immer wieder einzelne „unreine“ oder massiv überdosierte Pillen gibt und der Konsument tatsächlich nie weiß, ob er eine Pille gekauft hat, die auch Substanzen enthalten kann, die er definitiv nicht nehmen möchte. Allerdings muss ich noch anfügen, dass auch das, was als kristallines MDMA verkauft wird, nicht immer MDMA ist. Auch hier gibt es immer wieder Proben, die etwas anderes enthalten, als das, was der Verkäufer angegeben hat. Dennoch können wir im Rahmen unserer Forschung davon ausgehen, dass die Mehrzahl der kristallinen Form und der Ecstasy-Pillen in der Regel MDMA enthält, deswegen verwenden wir diesen Begriff Ecstasy und MDMA meistens synonym.
Gibt es Ursachen dafür, dass Botenstoffe wie Serotonin gebildet werden?
Nein. Wir brauchen Serotonin permanent. Serotonin gehört zu den ältesten Neurotransmittern. Alles was ein Nervensystem hat – auch eine Nacktschnecke – hat wahrscheinlich auch den Botenstoff Serotonin. Im menschlichen Gehirn ist Serotonin wirklich einer der verbreitetsten Neurotransmitter, und eigentlich in allen Hirnarealen in großer Menge zu finden. Serotonin spielt wirklich bei ganz vielen, eigentlich bei allen Hirnfunktionen eine Rolle.
Wird bei einer erhöhten Ausschüttung, die z.B. durch Drogen induziert wird später auch mehr Serotonin gebildet, oder wird es immer nur zyklisch neu gebildet?
Bei MDMA wird viel Serotonin ausgeschüttet und es hat noch eine andere etwas fatale Wirkung,MDMA hemmt die Tryptophanhydroxylase. Dies ist ein Enzym, was bei der Synthese von Serotonin eine große Rolle spielt, d.h. MDMA führt auch dazu, dass für eine gewisse Zeit weniger Serotonin neu gebildet wird. Das hat zur Folge, dass nach Abklingen der akuten Wirkung, aber auch noch Tage danach, ein Serotoninmangel-Symptom eintritt. Das kennen viele Konsumenten als Mid-Week-Blues, das heißt, wenn am Samstag Party war, fühlen sich viele der Konsumenten gegen Dienstag, Mittwoch depressiv, ängstlich und antriebsgemindert. Bei den meisten klingen die Symptome dann zum Ende der Woche wieder ab, weil der Körper dann neues Serotonin gebildet hat und der Haushalt sich wieder reguliert. Es gibt eine akute Wirkung, eine post-akute Wirkung und eine chronische Wirkung, wobei dieser Mid-Week-Blues noch in die post-akute Phase fallen würde. Bei der chronischen Wirkung geht es dann darum, das haben verschiedene Studien nahe gelegt, dass es auf Dauer tatsächlich zu einem anhaltenden Serotonin-Defizit kommt.
Wie sehen Langzeitschäden aus?
Es gibt Folgen des Ecstasy-Konsums die weitgehend gesichert sind, wo aber die Ursachen nicht ganz klar sind. Aber wir wissen, dass intensive Ecstasy-Konsumenten, wenn sie eine bestimmte Zahl von Pillen überschreiten mit großer Wahrscheinlichkeit moderate Gedächtnisdefizite entwickeln. Wir haben eine Stichprobe von Ecstasy-Konsumenten untersucht, die im Mittel 23-24 Jahre alt war aber Gedächtnisleistungen zeigten wie man sie bei 60 Jährigen erwarten würde. Das hat uns schon recht beeindruckt. Auch in der Stichprobe, welche ich hier in Zürich erhoben habe und welche im Mittel noch mehr MDMA konsumiert hatte, waren die Gedächtniseffekte wirklich sehr ausgeprägt. Die Effekte in anderen kognitiven Bereichen, wie z.B. den höheren Planungsfunktionen, fallen hingegen weit geringer aus. Das Problem ist, das wir nach wie vor nicht wissen, was mit diesen intensiven Konsumenten eigentlich später passiert, selbst wenn sie – wie die meisten – jenseits der 30 von alleine aufhören Ecstasy zu konsumieren. Was passiert mit deren Gehirnen 30 Jahre später, wie sieht deren Gehirn mit 60 aus? Hat sich da alles erholt oder zeigen diese Konsumenten beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Demenzen? Das wissen wir noch nicht, weil es die Substanz noch nicht so lange gibt. Das ist völlig unterforscht, wir wissen nichts über die tatsächliche Langzeitwirkung am Menschen.
Gibt es noch andere Langzeitschäden, wie zum Beispiel langfristige Depressionen?
Ja das ist ganz spannend, aber da gibt es bis heute auch keine wirklich guten Daten. Die ersten Studien hatten gezeigt, dass Ecstasyuser tatsächlich ein erhöhtes Risiko für Angsterkrankungen, Depressionen und Psychosen haben sollten. Es gab aber eine sehr gute Längsschnittstudie des Max-Planck-Institutes für Psychiatrie in München, in welcher Schülern über einen längeren Zeitraum begleitet wurden. Diese Studie hat gezeigt, dass bei Ecstasy-Konsumenten mit psychischen Problemen diese Probleme schon vor dem Konsum bestanden haben, d.h., dass die, die angefangen haben zu konsumieren auch die waren, die vorher schon Anzeichen für psychische Veränderungen gezeigt hatten. Man konnte hier also nicht bestätigen, dass das Ecstasy hierfür verantwortlich ist, sondern die Probleme waren offenbar vorher schon da. Dann gibt es andere Studien, die sich große Populationen von Drogenkonsumenten angeschaut haben und das Auftreten von Depressionen in Bezug auf verschiedene Konsummuster untersucht haben. Hier war es eher der Cannabiskonsum der mit affektiven Problemen einherging und weniger das MDMA. Auch ein polytoxikomaner Drogengebrauch, also ein intensiver Mischkonsum vieler verschiedener Substanzen, war mit einem sehr hohen Risiko für psychiatrische Erkrankungen verbunden. Wobei hier natürlich die Richtung des Zusammenhangs unklar ist. Es ist ja wahrscheinlich, dass jemand der sehr wild durcheinander konsumiert möglicherweise vorher schon psychische Probleme mitbringt. Insgesamt ist dies alles bis heute nicht gut untersucht. Rein theoretisch würde man davon ausgehen, dass Ecstasy-Konsumenten langfristig eine höhere Gefährdung für psychiatrische Erkrankungen haben sollten, insbesondere im affektiven Spektrum und im Angstbereich, da das Serotoninsystem durch das MDMA nachhaltig beeinflusst zu werden scheint. Aber der Zusammenhang ist bis heute nicht ausreichend gezeigt worden.