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News for the ‘Soberdose’ Category

Snoopdose – Soberdose extra high

In der Soberdose werden keine illegalen Drogen besprochen. Bei dem Konzert von Snoop Dog kommen unsere Gastautoren Pypi Vogel und Mosche Kreuzberg jedoch nicht um den Konsum vonTHC herum. Die Autoren bitten um Nachsicht!

Pypi: Snoop ist in Berlin. Aber Snopp Dogg hat Angst vor Kreuzberg. Lev ruft an. Levs Anrufe sehen so aus: „Ey, meinst du, du hast / du kannst / du willst…?“ Aber es geht los mit: „Äh… du… also ich hab einen Anruf bekommen…“ Okay – “Also… ich werde vor Snoops Show als Opener in der Columbiahalle auflegen.“ Jubel auf beiden Seiten der Leitung. Fashizzle – nochmal! Alle sind aus dem Häuschen und wir…

Mosche: Alter, komm auf den Punkt!

Pypi: Was ist denn mit dir? Egal! Ab in die Columbiahalle. Sie feiert ihren 60. Geburtstag, und leistet Berlin seit 13 Jahren treue Dienste. Da hat Snoop bereits sein drittes Album draußen. Die ersten beiden Alben kamen bei Death Row heraus…

Mosche: Ist okay, Pypi! Das erste was ich dort sehe, ist ein ausgeleuchteter Brezelstand. Pfui, Alter. Bier war klar, aber weiche Brezeln – Teigmasse? Bei Snoop wurden dicke Brezeln gegessen, das sagt alles.

Pypi: Vom Eingang mit der Fressmeile kämpfen wir uns in die erste Reihe; wollen Lev von vorne aus supporten. Unser Versuch wird in der vierten Reihe gestoppt. Mosche bleibt stehen. Er ist eine Plage.

Mosche: Danke, du kleine Prinzessin! Als mir ein Aggro-Atze in die Rippen boxt bleibe ich – natürlich – stehen. Ich lächle den Typen an, er ist zwei Köpfe kleiner als ich. Auch gut. Pypi motzt: Wir würden auch nach dem DJ wieder weggehen. Trotzdem bleiben wir genau dort stehen.

Pypi: Kaum geht es los, heulen die Mädchen neben uns auf: „Boah ist das laut, ey!“. Lev macht sein Set, heute als Mr. Transatlantic. Wir feiern aber Mr. White Chocolate, er ist nämlich Opener von Snoop! Party on, wir bouncen. Als er nach seinem Feierabend zu uns kommt, hat er Snoop nicht einmal backstage gesehen. Der wäre hermetisch abgeriegelt. Hat Snoop Angst vor Kreuzberg?

Es wird heiß, die Gäste werden unruhig und Snoop Doggy Doggs DJ spielt einen einstündigen Hip Hop-Mix von der CD ab. Doch die Leute wollen Snoop live, nicht Hip Hop-Mix von der CD. Alle ziehen Fressen, es wird unruhig.

Mosche: Snoop hat Angst vor Kreuzberg! Gäbe es Glasflaschen, dann würde ich die jetzt auf die Bühne werfen. Als wir uns entschließen zu gehen, kommt Snoop endlich mit großem Tamtam auf die Bühne. Immerhin. Tiefer Sound und eine atemberaubende Beleuchtung und wir werden Teil der Show. Ich kann mich nicht satt sehen. Da ist zum Beispiel der füllige Bodyguard im besten Alter. Mit spiegelnder Glatze, wachen Augen und gepflegtem Schnauzbart steht er in seinem Zweireiher wie ein Wachhund hinter dem Lautsprecher auf der Bühne. Regungslos schaut er sich das Publikum an, eine Motown-Traumrolle in der großen Snoop-Show. Alles funktioniert, wir jubeln und freaken und doch – wir sehen eine Hollywood-Inszenierung auf Riesenleinwand.

Pypi: Echt mal, wir atmen nicht die gleiche Luft mit Snoop. Es ist eine komplett surreale Situation. Da steht plötzlich das Jugend-Ghetto-Idol live auf der Bühne, Warren G kommt vorbei, als wäre nichts gewesen, aber aber alles ist hier Puppentheater. Ein bisschen „I say this and you say that“ ist alles an Interaktion mit uns. Wahrscheinlich würde er uns auch weiter animieren, wenn wir ihn nur still und stumm anglotzen würden. Es ist wie auf einer DVD. Mal abgesehen, dass er uns ständig zum Grasrauchen auffordert und dabei übersehen haben muss, dass die sehr wichtigen Sicherheitsleute mit Solarent- Chick und Pumperbody an der Tür Tabakbeutel filzen und das gefundene Gras rigoros wegwerfen. Die Columbiahalle ist ja offiziell rauchfrei. Einen Tag später berichtet die Berliner Presse, dass die Columbiahalle selten so verraucht gewesen wäre. Schon klar.

Mosche: Tolle Show, merkwürdiges Umfeld! Zum Schluss ein grauenhaftes Schwanzfinale. Snoop zeigt wie down er mit Kreuzberg ist und holt den musikalischen Penis aus der Hose: „Sweat“ featuring Guetta. „All the girls sing this!“ fordert er und alle Girls krächzen ihm halblaut irgendwas entgegen. „All the boys sing that!“ und alle Boys prollen jaulend wie wilde Hunde. Die Mädchen Mauerblümchen, die Jungs Gorillas – zu viel Schwanz für alle.

Pypi: I wanna make you sweat, das ist einfach eine miese Ansage. Alter, pack den Penis wieder ein! Damit finanziert er doch nur seine Rente. Puppentheater! Bis zum letzten Lied sogar ein gekonntes Puppentheater, aber immer noch Theater. Danach sind wir ohrtot.

Mosche: Ja, das ist krass. Ich nenne dich zum Test sogar Schlampe, aber du

kriegst nichts mehr mit. Zweimal sogar, biatch!

Pypi: Was bitte?! Du Assi.

Wer Snoop in der Columbiahalle verpasst hat, sollte sich einen Beamer mit Soundanlage holen und seine Homies zu einem Youtube-Abend einladen. Die Show wird funktionieren.

Pypi: …und rauchen ist dann auch erlaubt.

Text Pypi Vogel, Mosche Kreuzberg

Soberdose – rauchen

Griserie! Toxicomanie! Légalité! Unter diesem Motto testet Miron in der , ob die Dosis wirklich das Gift macht. Nennt ihm Eure Hausmittel – Rausch und Sucht – und lasst ihn fliegen: miron@.de

Gibt es eigentlich noch Menschen, die behaupten, dass Marihuana die Einstiegsdroge Nummer 1 wäre? Wer erst an einem Joint gezogen hätte, der macht weiter mit Pilzen, Speed, Extasy, LSD, Meskalin, GHB, Kokain, Ketamin, Crystal Meth und landet letztendlich bei Heroin. So ein Blödsinn! Wer bei Heroin landet hat höchstwahrscheinlich zuerst mit Zigaretten und Alkohol angefangen – der Einstiegsdroge, die von der Basis jeglicher Partei am Stammtisch konsumiert wird. Wenn Ausländer nach Berlin kommen wundern sie sich oft, dass so viele Menschen hier rauchen. Jetzt wäre es einfach für mich, Statistiken über Raucher und Nichtraucher hervor zu zaubern, die Gepflogenheiten der Tabaklobby auszuleuchten oder vergleichend über den Konsum innerhalb verschiedener Kulturen zu schreiben. Wow. Oder ich berichte warum ich Nichtraucher bin. Auch wow, aber echt.

Ich hatte ja schon erwähnt, dass ausländische Besucher oft über den deutschen Zigarettenkonsum staunen. Als ich mit zwölf Jahren meine erste Zigarette rauchte kam ich mir wahnsinnig frühreif vor, was sich im Lauf meines Lebens als falsch erweisen sollte. Damals ging ich gerade in die siebte Klasse des Schadow-Gymnasiums in Zehlendorf und – behütet wie ich aufwuchs – hatte ich es auch nicht weit nach Hause, da ich am Ende der Clayallee wohnte. Auf dem Weg dorthin bildete ich mir ein, als Mr. Cool auf der Bank im Garten hinter dem Standesamt mit anderen Mitschülern rauchen zu müssen. Sie taten es, also musste ich es tun.

Nach meiner ersten roten Gauloises ging es mir den ganzen Tag beschissen. Es war ein Montag, das weiß ich noch, weil ich da Religionsunterricht in der City West hatte. Mir war zum Kotzen übel. Ich ging hin, blieb dort eine Stunde, torkelte nach Hause und legte mich mit Verweis auf Kopfschmerzen noch vor 18 Uhr ins Bett. Die Tage darauf ging es weiter hinter dem Standesamt. Wir rauchten geschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit. Ich dachte damals, dass es besonders cool wäre, wie die anderen aus heiterem Himmel immer mal wieder auf den Boden zu spucken. Hätte ich es nur nicht ständig vergessen. Doch plötzlich wurde mir klar, warum es zu diesem Zeitpunkt so in Mode kam. Mit meinem neuen Hobby kam eben auch das Problem auf, dass der Mund unheimlich ekelhaft schmeckte. Also spuckten wir alle kräftig auf den Boden. Sie taten es, also musste ich es tun.
Nach einer Woche Zigarettenkonsum war also ich dran, auch einmal eine Packung aus der Tasche zu zücken. Sie taten es, also musste ich es tun. Aber wofür sollte ich mich entscheiden. Die Auswahl bei Woolworth in Zehlendorf Mitte war für mich unüberschaubar. Ich entschied mich für die Packung mit dem Tierchen: Camel. Und weil ich mein fünf D-Mark-Stück gut investiert haben wollte, mussten es Camel 100 sein. Wow, wie war ich auf einmal erwachsen. Das nächste Mal hinter dem Standesamt holte ich also lässig meine Schachtel aus dem Rucksack. Aber es traf mich beim ohnehin widerwärtigen Anstecken der Zigarette wie ein Schlag. Die Camel-Zigaretten schmeckten wie Scheiterhaufen!! Da half auch kein Ausspucken mehr. Mit dieser Zigarette endete meine Raucherkarriere. Die Packung verschenkte ich an eine Freundin und das war es.

Leider finde ich noch heute das Rauchen unheimlich nonchalant. Der Habitus, der vom Genuss einer Zigarette eines Rauchers ausgeht, überzeugt mich immer wieder auf’s Neue. Wie oft möchte ich am Morgen Espresso und Zigaretten genießen können. Wie gerne wüsste ich eine Zigarette nach einem guten Essen zu schätzen. Aber wie damals wird mir vom Rauchen einer Zigarette immer noch unheimlich schlecht. Ich werde weiß und übergebe mich schließlich.

Ab und an, alle zwei Jahre vielleicht, reitet mich dann doch der Teufel und ich muss es tun – das letzte Mal übrigens bei der Auszugsparty aus der proud-Redaktion in der Manteuffelstraße. Ich lernte eine umwerfende Frau kennen und wollte den tollen Hecht markieren. Sie rauchte auch, also musste auch ich rauchen. Ich zündete uns zwei Zigaretten auf einmal an, flirtete mit 150 Prozent, tanzte noch 20 Minuten und lag danach im Koma auf dem Sessel bevor ich mich selbst… ach egal. Was für ein Erfolg. Wer mich also das nächste Mal eine Zigarette rauchen sieht, erhält nun die Erlaubnis, mir diese aus der Hand zu reißen und mir einen schönen Abend zu bescheren. Danke.

Miron Tenenberg

Grafik Vinzent Britz

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Soberdose Ingwer

Miron testet für dich Wirkung von Ingwer und stirbt fast dabei

Ingwer

Griserie! Toxicomanie! Légalité! Unter diesem Motto testet Miron in der proud, ob die Dosis wirklich das Gift macht. Nennt ihm Eure Hausmittel – Rausch und Sucht – und lasst ihn fliegen: miron@proud.de

In Flugzeugen wird auffallend häufig Tomatensaft getrunken. Es gibt vielfältige Studien dazu, warum gerade Tomatensaft solch eine hohe Nachfrage über den Wolken erfährt. Die einen wollen es anhand der besseren Sauerstoffzufuhr im Körper begründen, andere sagen, dass er wegen des Würzens mit Pfeffer und Salz einen anregenden Effekt auf die tendenziell gelangweilten Passagiere und deren Organismen habe. Es wird auch argumentiert, dass der dickflüssige Tomatensaft als Zwischenmahlzeit zu sich genommen würde, ohne danach einem Völlegefühl zu unterliegen. Vielleicht ist es aber einfach die Gruppendynamik, weshalb sich so viele Menschen für den roten Gemüsesaft entscheiden. Der Nachbar trinkt es und ich habe es auch schon lange nicht mehr getrunken. Angebot schafft Nachfrage schafft Handlungsmuster. Weniger bekannt ist aber, dass es in Flugzeugen regionale Unterschiede gibt. In Italien wird anstatt des Tomatensafts üblicherweise Ananassaft über den Wolken getrunken. Etwas abseits, aber dennoch stark gefragt an Board ist zudem Ginger Ale. Auch dieses Getränk wird unten auf der Erde eher selten getrunken. Noch seltener wissen aber Deutsche, dass Ginger Ale nach Ingwer schmecken soll. Die süße Plörre, die uns allen so gut schmeckt hat jedoch reichlich wenig mit Ingwer zu tun. Man muss davon ausgehen, dass der Großteil der Deutschen diese Pflanze als Gewürz nicht kennt. Dieses Tropengewächs passt halt nicht so gut zu Schweinshaxe mit Erbspüree; höchstens zum Kuchen.

In Südostasien ist Ingwer hingegen seit Jahrhunderten ein bekanntes Hausmittel gegen Husten und Erkältungskrankheiten und aus den Speisen nicht mehr wegzudenken. Wer kennt nicht den süß eingelegten Ingwer beim Sushi? Dabei wird je nach Erntezeitpunkt unterschieden wozu der Ingwer gebraucht wird. Das frische Rhizoma zingiberis kommt in die Küche, das spätere wird zu Pulver verarbeitet. Das ist eine gute Wahl, da Ingwer Vitamin C, Magnesium, Eisen und einen Haufen weiterer Mineralstoffe enthält. Sechs Gramm getrockneter Ingwer hilft erstaunlich gut gegen Übelkeit und kann locker mit den gängigen Mitteln gegen die Seekrankheit, Dimenhydrinat, mithalten. Da ich nicht an der Seekrankheit leide und keinen Lowrider besitze fällt dieser Teil der Soberdose leider ins Wasser.

Dass Ingwer aber die Durchblutung fördert und aphrodisierend wirkt kann ich voll bestätigen – mehr als mir recht ist. Denn Ginger Ale oder besser gesagt Root Beer gibt es noch in ganz anderen Formen als in klebrigen Limonaden.

Ich sitze in einem karibischen Restaurant und warte auf Yams und Fisch und bestelle mir bei dem schönen Wetter eine kühle Erfrischung. Root Beer auf zerstoßenem Eis. Ich schäkere mit der Bedienung etwas herum und lasse mich auf das Originalrezept ein, da ich Ingwer ohnehin sehr gerne mag, vor allem je intensiver der Geschmack ist. Mir ist klar, dass es sich um eine Geschmacksexplosion handeln muss, denn das Wort Original in Zusammenhang mit Nahrungsmitteln und einem lokalen Bezugspunkt – in diesem Fall Jamaika – heißt meist, dass es für alle anderen Leute auf der Welt ungenießbar ist. Stellt Euch die original Berliner Schmalzstulle in Nepal vor oder den Frankfurter Handkäs mit Musik auf Sri Lanka. Da kommt jedenfalls mein Root Beer in Berlin. Der erster Schluck erfüllt meine Erwartungen: Die Schärfe zieht sich über Nase und Zungenränder in mein Gehirn. Kein Wunder, dass es auf crushed ice gereicht wird, ich brauche die Kühlung, zumal sich das Getränk immer weiter verdünnt, je wärmer es wird. Das Gute daran ist aber, dass die Schärfe nicht lange anhält und ich das Getränk beeindruckend und lecker zugleich finde. Frag mal die Tamilen nach deren Befinden, nachdem sie den Stinkekäse heruntergeschluckt haben.

Das Root Beer hat jedoch einen entscheidenden Boomerang-Effekt. Als wir danach auf eine Reggae-Party gehen fühle ich mich wie ausgetauscht. Ich kann nicht mehr denken, nicht mehr reden, nur noch glotzen. Wie Nachbars Lumpi spanne ich allen Frauen hinterher, kann mich nicht erinnern nur ein Gesicht auf der Feier gesehen zu haben, dafür aber unendlich viele bebende Décolletés und wackelnde Booties. Nicht dass diese Strategie sonderlich erfolgversprechend bei den Frauen ankäme. Ich habe keine Wahl. Ich hätte gerne! Es hilft aber nichts. Stolpernd und zombiegleich torkle ich durch den verwundenen Club und muss mich alle paar Meter an den Rand stellen, um mich richtungsweisend zu richten. Meine Begleitung verschwindet irgendwann ohne sich zu verabschieden und ich kann mich, so sehr ich es probiere, an nichts erinnern als an runde Körperformen.

An diesem Abend habe ich mir einfach eine Überdosis eingefahren. Tolle Droge, aber auf einer Swinger-Party wäre ich wohl besser aufgehoben. Es ist jetzt auch klar, warum Ginger Ale in Flugzeugen nichts mit originalem Ginger Beer aus der Karibik zu tun hat.

Miron Tenenberg

 

 

Soberdose – Provisorien

Sagte es mir nicht schon mein Vater in frühen Jugendjahren? Ich bin gerade damit fertig geworden, für wenig Geld den Hof seiner Autowerkstatt in Steglitz zu fegen, da trifft es mich wie ein Blitz. Er kommt aus der Eisentür des Lagers auf den Hof und läuft direkt auf mich zu. Er schaut dabei zwischen den Autos auf den unebenen Betonboden, nimmt sich wortlos den Besen, den ich locker in der Hand halte, und fegt mit drei, vier kräftigen Zügen den Dreck unter einem Auto zu einem kleinen Haufen zusammen. Egal, was ich tue, ich solle es gefälligst sorgfältig machen – auch wenn es nur das Fegen eines Hofes wäre. Das ist sein Rat an mich. Damit lässt er mich alleine auf dem Hof stehen und ich beginne zähneknirschend die zweite Runde.

In diesem Monat wird sich die Soberdose nicht dem Thema Rausch widmen, sondern konzentriert sich auf die Sucht. Und Provisorien machen süchtig, auch wenn diese nicht mit einer Heroin- oder Alkoholsucht, nicht mit Internet- oder Pornosucht, nicht mit Fall- oder Kratzsucht zu vergleichen ist. Der Hang zum Provisorium kommt aus einer anderen Ecke in uns.

Es verwundert also auch keinen, dass wir Provisorien auf der ganzen Welt wiederfinden – vor allem in nichtwestlichen Staaten. Damit es funktioniert, muss es ja nicht immer ordnungsgemäß zugehen: Ob nun ostasiatische Händler Berge von Waren an ihre kleinen Mofas schnallen, südamerikanische Stromleitungen an Strickmuster erinnern oder afrikanische Beautysalons aus einem Stuhl auf der Hauptverkehrsstraße bestehen, vor den sich jemand hockt, um dann den Körper zu veredeln – Hauptsache es klappt. Weg von der preussischen Denke, hin zu Kabelbinder, Gafferband und Universaltool.

Wofür ist die Provisoriumssucht letztendlich gut? Ganz klar, man möchte es bequem und praktisch – und vor allem schnell! Der Mensch neigt ohnehin deutlich dazu sich für eine kleine sofortige Belohnung zu entscheiden, als nach längerem Warten und höheren Anstrengungen eine größere zu erhalten. Der Belohnungsaufschub hat etwas mit Impulskontrolle zu tun. Je mehr wir uns unseren spontanen Erfolgschancen hingeben, desto wahrscheinlicher werden wir damit längerfristig versagen, weil dann die kontinuierliche Arbeit an der Qualität fehlt. Auch hier fällt mir ein Sprichwort meines Vaters ein: „Ein Provisorium, das hält, bleibt!“ Wie recht er damit hat. Damals deutete er damit an, dass ich die Kabel der neuen Lautsprecher meines Golf 2 eher unter das Armaturenbrett verlegen sollte, anstatt diese an den Lüftungsschlitzen festzuklemmen.

Und habe ich daraus gelernt? Nein. Ich sitze in meiner Küche und höre es brummen. Das wundert mich, da die Waschmaschine, aus deren Richtung das Geräusch kommt, gar nicht an ist. Es wird lauter und trotzdem bleibt es mir reichlich egal. Meine Güte, ich wohne in einem Altbau und da brummt es halt hin und wieder. Was weiß ich, was meine Nachbarn für spannende Sachen in diesem Moment anstellen. Als es aber komisch zu riechen beginnt und mir beim Blick hinter die Waschmaschine Rauch entgegenkommt, weiß ich, dass es nicht an meinen Nachbarn liegt. Es riecht grauenhaft nach verkohltem Plastik. Aus der Mehrfachsteckleiste hinter der Waschmaschine qualmt es, was für mich Feuer bedeutet, was für mich Löschen bedeutet. Da springt die Notbremse in meinem Kopf an, denn Wasser und Steckdose bedeutet vor allem Tod durch Elektroschock.

Wie ein Huhn renne ich zu meinem Sicherungskasten, um die Spannung abzuschalten, aber in der Eile weiß ich nicht, welche Drehsicherung herauszudrehen. Angesichts der präsenten Rauchentwicklung möchte ich keine Zeit verlieren. Zurück in die Küche. An welche Steckdose habe ich eigentlich die Mehrfachsteckleiste angeschlossen? Rechts von der Waschmaschine? Nein, da sind Kaffee- und Spülmaschine dran. Der Qualm hört nicht auf. Links davon, hinter der Tür? Fehler, da geht das Heizungsrohr zum Bad durch die Wand. Gut, dann irgendwo zwischen Waschmaschine und… egal! Waschmaschine raus! Zur Seite damit und Bingo.

Das Kabel und der Stecker der Leiste sehen noch unversehrt aus. Also raus damit. Klick – Aufregung vorbei. Ich beginne zu zittern. Das kenne ich ja schon von mir: Ich behalte zwar meist einen sehr kühlen und verlässlichen Kopf in brenzligen Situationen, aber sobald die Gefahr gebannt ist, klappe ich zusammen. Meistens heule ich – dieses Mal poste ich auf Facebook in Großbuchstaben und trinke einen Schnaps darauf. Nur hat das bis jetzt nichts mit Provisorien zu tun.

Dafür muss die Vorgeschichte herhalten. Denn meine Wassermischbatterie tropft seit dem Einbau unter der Spüle auf den Boden. Ich weiß mir zu helfen indem ich einen Eimer darunter stelle. Diesen leere ich ab und an aus und gut ist. Da das Tropfen aber periodisch in der Stärke variiert, wundert es mich nicht, dass es dort seit ein paar Tagen förmlich herausgießt. Eine Nacht außer Haus und nur kurz nicht um den Eimer gekümmert und schon geht’s los. Dieser ist nämlich bis zum Nachmittag randvoll mit Wasser gelaufen und wie ich danach mitbekomme, ist es die Steckerleiste auch. Ein Provisorium, das hält, bleibt! Für die nächste Soberdose suche ich nach einem Mittel zur Impulskontroll-kontrolle!

Miron Tenenberg

Grafik Vinzent Britz

Griserie! Toxicomanie! Légalité! Unter diesem Motto testet Miron in der proud, ob die Dosis wirklich das Gift macht. Nennt ihm Eure Hausmittel – Rausch und Sucht – und lasst ihn fliegen: miron@proud.de

Soberdose Bananenschale

Griserie! Toxicomanie! Légalité! Unter diesem Motto testet Miron in der proud, ob die Dosis wirklich das Gift macht.Nennt ihm Eure Hausmittel – Rausch und Sucht – und lasst ihn fliegen: miron@proud.de

Bananen sind einzigartige Früchte. Keine andere Frucht ist länglich, gelb und krumm. Keine andere Frucht besitzt eine dicke, plastikartige Schale. Keine andere Frucht verfügt über ein Frucht- fleisch, welches – je nach Reifegrad – eine harte bis schleimige Konsistenz hat. Keine andere Frucht kann so obszön beim Essen aussehen. Keiner anderen Frucht liegt der Vergleich mit einem Penis so nahe. Zonen-Gabi musste selber lachen, als sie sich mit einer Gurke in der Hand ablichten ließ und vorgab, dass das ihre erste Banane wäre. Bananen waren auf deutscher Ebene in der Tat einmal Mangelware und zusätzlich europäisches Streitobjekt.

In den Land der unbegrenzten Möglichkeiten haben Hippies zu ihrer Zeit Bananen auf Drogentauglichkeit untersucht. Das daraus entstandene Rauschmittel nannten sie electric bananas und wurde geraucht.Yellow haze nennt es der öffentlichkeitsscheue Autor Thomas Pynchon in seinem neuen Roman Natürliche Mängel. Dort wird die Droge von Kevin, dem Besitzer des Kosmik Banana vertrieben. In seinem Laden in Los Angeles verkauft er eigentlich mit Kuvertüre überzogene, gefrorene Bananen. Die übriggebliebenen Bananenschalen lässt er im Schichtbetrieb auskratzen, ofentrocknen und pulverisieren. Die Hippies glauben daran und Kevin glaubt an sein Geschäftsmodell. Immerhin berichten einige von psychedelischen Reisen durch Raum und Zeit, andere bleiben auf grausamen Atemwegsproblemen sitzen. Angespornt von einschlägigen Zines der Szene, in denen auf chemischer Basis Bananen mit LSD verglichen werden oder von indonesischen Bananenkulten die Rede ist, brummt Kevins Geschäft. Die Geschichte macht mich heiß, ich will es jetzt auch probieren! Das Buch, bei Rowohlt erschienen, kostet 24,95 Euro für 477 Seiten. Außerdem findet Ihr einige Verweise zu kalifornischen Drogenwelten der Siebziger Jahre, aber das nur nebenbei…

Banana-o-rama im Jahr 2011 sieht anders aus. Das Internet liefert genügend Anleitungen um eigentlich alles selber zu machen. Das gilt natürlich auch für die rauschfördernde Substanzen der Banane. Die wichtigsten drei Darreichungsformen zum Rauchen möchte ich Euch hier beschreiben:

Als Erstes gibt es die klassische und einfachste Variante des Trocknens und Rauchens. Einfach die Innenseite der Schale abkratzen und trocknen lassen. Das Endprodukt in einem Gemisch mit Tabak oder pur rauchen. Hierbei variiert der Rauschzustand aber erheblich.

Auf dem zweite Weg zu der Rauchware, müsst Ihr die abgekratzte Bananenreste mit etwas Wasser in einer Pfanne kochen bis das Wasser verdunstet ist und sich auf dem Pfannenboden eine schwarze, klebrige Masse bildet. Tattaa: Das ist das rauchfertige Endprodukt.

Für die letzte Vorgehensweise, der Alkoholextraktion, benötigt Ihr hochprozentigen Alkohol, den Ihr am besten in der Apotheke kauft. In diesen legt Ihr das frische Schalenmark für ein paar Tage ein. Danach die Flüssigkeit durch nur leichtes Erwärmen verdunsten lassen und der übriggebliebene Grund ist Euer eigenes Bananadope.

Aus zeitlichen Gründen entscheide ich mich für die Variante 1: kratzen, trocknen, rauchen. Hier tritt meine eigene Faulheit zu Tage, aber vielleicht ringe ich mich diesen Sommer noch dazu durch, die anderen Möglichkeiten auszuprobieren. Thematisch passen würde ein sonniger Tag auf dem Dach mit Unmengen Banana-Splits. Was für ein guter Vorsatz zum Anfang des Jahres. Dennoch konzentriere ich mich jetzt im Winter auf das einfache Trocknen der Schaleninnenseiten und das Rauchen der schwarzen Überreste.

Der pure Zug aus der Pfeife ist unangenehm herunter zu bekommen, dennoch mild im Nachgeschmack und keinesfalls bitter am Gaumen. Ich wundere mich, ob es der Eigengeschmack meiner kleinen rot-eloxierten Pfeife ist, der mir auf der Zunge liegt. Nach zehn Jahren in meinem Besitz kann ich mich gar nicht erinnern, diese einmal groß gereinigt zu haben oder in ein Bad mit Schmandex gelegt zu haben. Das wäre ein weiterer guter Vorsatz für dieses Jahr! Der Rausch ist hingegen sehr unterschwellig und angenehm. Ich kichere ein wenig vor mich hin, fühle mich leicht vernebelt und genieße den Prosecco, den es dazu gibt. Wäre nur der Geschmack der Pfeife nicht so störend, ich hätte Lust mehr davon zu probieren.

Nach ein paar weiteren Flaschen habe ich mich bereits daran gewöhnt. Auf die Frage wie es denn meiner Banane geht falle ich, jedoch in schallendes Gelächter. Ich höre gar nicht mehr auf zu lachen und fühle mich wie ein Kind, dass – jung wie es ist – das erste Mal verbotene Sachen ausprobiert, auf der Suche die eigene Naivität zu verlieren. Meiner Banane geht es gut, herzlichen Dank! Die Banane ist und bleibt obszön.

Irgendwann lasse ich es mit der schwarzen Knete dennoch sein. Im Duell mit dem Prosecco, bleibt die Bananenschale einfach mit zu großem Abstand hintenan. Es ist zwar ein angenehmer Rausch, ein erhellendes Lachen, der vom Rauchen des Bananenschalenmarks ausgeht, überzeugend ist die schwarze Masse indes nicht. Gerne lasse ich mich auf eine Banana- Split-Party ein und versuche es dann mit den anderen Möglichkeiten der Haze-Gewinnung. Falls jemand Lust hat dabei zu sein, schreibt mir eine Email an oben genannte Adresse.

Text: Miron Tenenberg

Grafik: Vinzent Britz

Soberdose – Stechapfel Panik

Allein die Dosis macht das Gift. proud überprüft, ob Paracelsus mit diesem Satz Recht hat und testet Alltägliches auf unerwartete Eigenschaften. Nennt uns Eure Hausmittel und Miron sagt Euch, was sie bringen: miron@proud.de

In Zehlendorf höre ich das erste Mal vom Stechapfel: Auf der Liegewiese an der Krummen Lanke findet eine ausgedehnte Abiturienten-Feier statt. Es wird getrunken, herumgemacht und irgendeiner kommt auf die Idee, Stechapfel zu nehmen. Kurz darauf sitzt er geistesabwesend herum und entschließt sich, plötzlich mit erstaunlichem Nachdruck, seine Hand zu schälen. Er beginnt sich die Haut seiner Faust einzuritzen und diese wie eine Orange abzuziehen. Das Ende der Geschichte ist ungewiss, der Wahrheitsgehalt übrigens auch. Es handelt sich nämlich um einen Bekannten des älteren Bruders eines Schulfreundes aus Zehlendorf – Urban Legends.

Diese werden ja immer nur von Leuten im minimal dritten Bekanntheitsgrades bestätigt und wirken so unglaublich, jedoch unter seltsamen Umständen wieder möglich, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. Was muss im Kopf einer Person vorgehen, dass diese voll Überzeugung denkt, eine Orange zu pellen und sich dabei selbst verstümmelt? Urban Legends lieben offene Fragen.

Meine erste tatsächliche Begegnung mit dem Stechapfel findet viel später in Ungarn statt. Ich bin auf einer Weiterbildung in Sachen Natur- und Heilpflanzen, inmitten eines Gartens voll – wer hätte es gedacht – Natur- und Heilpflanzen. Wie im Garten Eden blüht und riecht es überall üppig nach gesättigter Natur. Uns wird mitgeteilt, dass jede einzelne Pflanze eine Verwendung hat. Ein Garten voll Nutz- pflanzen. Unmengen davon werden von zwei Reiki-Meistern in einem riesigen Kessel über den Tag ausgekocht. Wir bleiben alle nüchtern, essen maximal ein trockenes Stück Toastbrot und vertreiben uns den schönen sonnigen Tag.

Am Nachmittag wird der trübe Zaubertrank abgeseiht und getrunken. Da der aber so bitter und widerwärtig schmeckt, wird er von den meisten innerhalb der nächsten halben Stunde ausgebrochen. Domino Open, der Erste beginnt sich zu übergeben und zieht zwei weitere mit sich. Die Fontänen sprühen nur so durch den Garten. Ich rette mich ins Haus, weigere mich in diesem Punkt dazu zu gehören und lasse mir von einem der Betreuer erklären, dass so etwas völlig normal wäre und sich der Rausch dieser Tränke dadurch erst richtig entfalten kann. Trotzdem lenke ich mich ab, bis die Übelkeit vergeht. Irgendwann beginnt der sanfte Flug und wird von kleinen und großen Ritualen begleitet. Unter anderem das gemeinsame Rauchen einer Friedenspfeife voll getrockneter Blätter und Blüten des Stechapfels.

Ich lerne den Namen Zombiegurke dafür kennen und werde belehrt, dass es drei Arten des üblichen Konsums gibt: Das Rauchen, das Essen und Trinken des Aufgusses. Davon ist das Rauchen das harmloseste, mild im Rausch und angenehm im Geschmack. Gegessen soll es durchaus sehr halluzinogen wirken und aufgegossen ist es der Albtraum.

Natürlich entscheide ich mich für das Rauchen. Als Nichtraucher ist man ja stets auf der Suche nach Alternativen, zumal Tabak ja auch so schädlich sein soll. Nach einiger Zeit fällt mir auf, dass das Kratzen im Hals, die pelzige Zunge und die rote Kehle vielleicht vom Stechapfel herrührt. Bin ich dagegen allergisch? Kann ich meinen Arzt fragen, ob er mich auf eine eventuelle Allergie gegen den Stechapfel testet? Immerhin ist der Ruf des zauberhaft schönen Gewächses als Rauschmittel ziemlich desaströs. Ich entscheide mich dagegen. Was hätte ich denn sagen sollen? Ich rauche einfach gerne Datura stramonium, da mich die berauschende Wirkung eher leicht, dabei friedvoll beruhigend beeinflusst, der Geschmack jedoch angenehm frisch, doch herb ist, ohne in der Geschmacksassoziation an Biorauchware zu erinnern.

Aber diese Allergie! Schade um das Raucherlebnis.

In den Nachrichten ist der Stechapfel in seinen Extremen vertreten. Da läuft ein Junge durch das Wohnzimmer an seinen Eltern vorbei. Er möchte zum Geräteschuppen, der im Garten steht. Kurz darauf schneidet er sich seine Zunge und seinen Penis mit der Gartenschere ab. Kurz zuvor gab es Stechapfeltee, das Ticket ins Albtraumland, in dem man auch mal seine Mutter tötet, sich aus dem Fenster schmeißt und querschnittsgelähmt sowie geistig hängen geblieben weiterlebt. Urban Legends lieben offene Fragen. Drogen- geschichten lieben geschlossene Anstalten.

So weit lass ich es aber nicht kommen. Ich bin ja nicht verrückt und will es auch auf gar keinen Fall werden. Erstens würdet Ihr sonst diese Kolumne hier nicht lesen können und zweitens hat mich das Schreiben dieser Soberdose auf die Idee gebracht, den Stechapfel doch einfach mal zu essen. Dafür warte ich zwar noch auf die warmen Sommermonate, da ich bei eventuellen Bewegungsdrang keine Lust habe, mich dick anziehen zu müssen. Vielleicht findet Ihr mich in einem halben Jahr in Gespräche vertieft mit meinen imaginären Freunden an der Krummen Lanke und Orangen essen.

Erfahrende und vertrauensvolle Drugsitter können sich also gerne bei mir melden. Ich hätte da so eine Idee!

Text Miron Tenenberg

Grafik Vinzent Britz


Soberdose – Austern

Allein die Dosis macht das Gift. proud überprüft, ob Paracelsus mit diesem Satz Recht hatte und testet Alltägliches auf unerwartete Eigenschaften. Nennt mir Eure Hausmittel und ich sage Euch, was sie bringen: miron@proud.de

Es gibt nicht viele Sachen, die wir lebendig essen. Aus China habe ich zum Beispiel von Affenhirnen gehört. Den Affen soll bei lebendigem Leib die Schädeldecke entfernt oder aufgebrochen werden, um danach das noch warme Gehirn aus dem Kopf löffeln zu können. Im Netz finden sich diese Schocker meist auf militanten Tierschutzseiten. Ich glaube aber stark, dass es eine Urban Legend ist. In Korea wiederum ist lebender Tintenfisch auf manchen Speisekarten zu finden. Potenz und Stärke bringe es, die auf Stäbchen aufgewickelten Weichtiere zu essen. Das Schwierigste daran wäre aber das Hinunterschlucken der Tentakel, da diese sich mit den Saugnäpfen an Zunge und Rachen heften. In Deutschland hingegen gibt es solche Probleme nicht. Wir töten alles vor dem Verzehr. Hier wird höchsten mit drehenden Joghurt-Kulturen geworben. Und dann gibt es Austern.

Austern sind in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes. Eine geöffnete Auster sieht – ein bestimmter Blickwinkel vorausgesetzt – nämlich aus, wie ein weiches, weiß-gräuliches Etwas mit blassen, glitschigen Schamlippen. Aber es bleibt nicht alleine bei der optisch-sexuellen Konnotation, Austern wird ebenfalls eine aphrodisierende Wirkung zugesprochen, was wiederum zu Champagner passt. Wer dieser Folgerung folgen kann und vor allem folgt, wird sehen, dass Champagner sogar der perfekte Begleiter zu Austern ist. Und Champagner, das wissen wir ja alle, ist nunmal das Getränk der Berliner Straße. Kein Wunder also, dass Austernessen eine lange West-Berliner Tradition besitzt. Austern und Champagner in der Austernbar im KaDeWe. Als Carry Bradshaw sich noch für bedruckte T-Shirts interessierte, wurde hier bereits darüber gesprochen wer in der Stadt was mit wem und wie lange gemacht hat. Jeden Sonnabend findet sich hier noch der leicht speckige Geldadel des Westens und zeigt was es zu zeigen gibt. Bei dem Gedanken an die Austernbar in der sechsten Etage erinnere ich mich aber eher an die sexuelle Wirkung der Muscheln.

Eine wilde Veranstaltung findet in Berlin statt und führt auch am Tauentzien entlang. Ich finde mich, an der Austernbar stehend, Sylter Royal und Veuve schlürfend. Die Zeit hält an. Mit der Anzahl der leeren Muschelschalen und frischen 0,1-Gläsern steigt die Spannung in Brust und Lende. Meinen Blick bekomme ich langsam aber stetig nicht mehr gebändigt. Ich glotze und bin mir dessen bewusst. Ich glotze, bin völlig von Gier übermannt und fange an Leute auszuchecken über die ich, bei Weiterführung der Gedanken, eine eigene Soberdose hätte schreiben können. Zum Glück muss ich auf die Toilette und kann meine Gedanken kurz ablenken. Dort wartet bereits eine Traube Menschen auf Einlass, größtenteils Leute von der Parade. Es herrscht ein triebsames Gedrängel und Aneinander / Miteinander und in diesem Moment platzt der Geysier der Hormone aus mir heraus. Ich lasse mich treiben, wobei mein Blick an einer großgewachsenen Frau hängen bleibt. Lange, schlanke Beine und ein wunderbar geformter Körper über einem herrlichen Arsch. Grazile Bewegungen wehen ihre langen Haare stilvoll über die traumhaften Schultern. Als sie meinen Blick bemerkt schaut sie verlegen auf das Damen-Zeichen der Toilette und haucht mir mit Männerstimme entgegen, dass sie natürlich dort hineingehen würde. Ich bin ohnehin schon verloren und gehe einfach noch verlorener.

Die aphrodisierende Wirkung von Austern ist für mich also bewiesen. Esst Austern in Mengen beim nächsten Rendezvous. Sie verschaffen Euch mindestens ein verlegenes Lächeln beim ersten Blick in die geöffnete Muschel, sind gefühlsbetont in der Darreichungsform und vulgär in der Konsistenz, bevor der Geysier in den Geist und aus dem Körper schießt. Wichtig: Denkt an Zitrone oder Tabasco, falls Ihr nicht so auf Meerwasser- geschmack steht, dazu ein wenig Weißbrot und natürlich Champagner. Mehr soll nicht, mehr darf nicht. Manchmal muss es eben auch ohne große Auswahl gehen! Dennoch habe ich in diesem Sommer ein weiteres Kriterium für den Genuss von Austern kennen gelernt. Es gab große Austern, dicke Austern.

In der ländlichen Austern-Espresso-Bar im Westen der USA werden eigentlich nur Austern zum Mitnehmen verkauft. Da ich aber nur ein Schweizer- messer und kein Austernmesser dabei habe, frage ich höflich, ob ich vielleicht eine einzelne kaufen könne. Ich will erst schauen, ob ich diese auch so öffnen könne. Ich bekomme zwei Austern geschenkt und probiere es. Mit ein wenig Geschick und Kraft gelingt es mir und ich schlürfe die Auster ohne Tabasco, Zitrone und Champagner aus der Schale. Einfach schnell in den Mund bekommen. Wie ein japanisches Kokosbällchen füllt die Auster meinen Mund aus. Bis zum Anschlag kalt und fischig. Mit ausgefüllten Backen wird mir bewusst, dass die Auster ja noch lebt . Ein lebendes Tier in meinem Mund. Es fühlt sich an als hätte ich einen Hund im Mund. Ich beiße darauf und mir wird bei jedem meiner langsamen Bissen klar, wie ich gerade die Auster töte. ‘Ich töte gerade das Tier in meinem Mund’ hallt mir durch den Kopf. Mittlerweile kaue ich auf einem Berg weicher, schlabbrigen, bleichen Masse. Wer es in den Mund nimmt, hat gefälligst zu schlucken. Ich bin ja gut erzogen und schlucke den Eiweißschleim hinunter. Ich entscheide mich daher für die kleineren Austern zum Mitnehmen. Die große, Dicke liegt mir noch eine Weile im Rachen und das Gefühl, das unmittelbare Tor des Todes für ein Lebewesen gewesen zu sein, lässt mich nicht mehr los. Ich bin ohnehin schon verloren und gehe einfach noch verlorener.

Genießt die Monate, die ein R im Namen tragen!

Text Miron Tenenberg