Unsere Freunde vom Berliner Graffiti-Verlag “From Here To Fame” waren wieder fleißig und haben Urban-Art-Literatur am laufenden Band produziert. proud hat für Dich reingeschaut.
Wer die Augen schließt und über die gängigen Klischees von Neukölln nachdenkt, dem fallen Schlagworte wie “Araber” und “Graffiti” ein. Wer dann die Augen wieder aufmacht und durch Neukölln spaziert, stellt fest, dass es dort zwar beides gibt – sie aber scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Das brandneue und definitive Standardwerk “Arabic Graffiti” erklärt unter anderem, woran das liegt (nämlich an den unterschiedlichen Graffiti-Traditionen in Orient und Okzident) und macht einen thematischen 360-Grad-Roundhouse-Kick von den Ursprüngen des arabischen Alphabets über palästinensische Protest-Graffiti bis hin zu kalligrafischem Arab-Light-Graff. Dabei illustrieren nicht nur hunderte Farbfotografien die verschiedenen Spielarten der orientalischen Urban Art, sondern auch Writer, Akademiker und Journalisten kommen zu Wort. Das macht “Arabic Graffiti” zu einem lohnenden Bilderbuch: Für Graffiti-Nerds und Neu-Neuköllner.
Arabic Graffiti
von Pascal Zoghbi und Stone
From Here To Fame Verlag, 2011
200 Seiten
ISBN 978-3937946269
Niels “Shoe” Meulman kommt in der an Wunderkindern nicht armen Welt der Writer eine Sonderstellung zu: Der Amsterdamer Writer, Grafiker und Designer kombiniert die beiden Künste Graffiti und Kalligrafie zu seiner ganz eigenen Kunstform – dem Caligraffiti. Das gleichnamige Buch skizziert kurz den Werdegang des Holländers, ist aber viel mehr das persönliche Blackbook einer über 30 Jahre langen Karriere. In fast asketischem Schwarz-Weiß-Minimalismus zeigt Meulman hier dutzende Designs und Techniken, bei denen die Übergänge zwischen Graffiti und Kalligrafie so fliessend sind wie die Tusche, mit denen die Tags gemalt wurden. Meulmans Ästhetik erinnert dabei zwangsläufig an die Gang-Graffiti auf den Straßen von Los Angeles oder die Pixação in den Favelas Südamerikas. “Calligraffiti” ist Pornografie für Typografen und damit ein sehr spezielles Buch – gleichzeitig liefert es Inspiration für jeden Ästheten.
Calligraffiti
von Adam Eeuwens, Niels “Shoe” Meulman
und John Langdon
From Here To Fame Verlag, 2010
144 Seiten
ISBN 978-3937946214
Kein Wort, keine Erklärung, kein Gramm Fett: “Schwarz auf Weiss Vol. II”, der Nachfolger des inzwischen vergriffenen Vorgängers, zeigt Kunst, Kunst, immer nur Kunst. In das monochrome Bilderbuch soll man einfach nur eintauchen und abtauchen in schwarz-weiß-graumelierte Bildwelten, die mal filigran-subtil nur aus wenigen dünnen Strichen, mal detailverliebt-bombastisch aus doppelseitigen Panoramen bestehen. Entgegen dem etwas klischeehaft-irreführenden Cover ist “Schwarz auf Weiss Vol. II” kein reines Graffiti-Blackbook, sondern ein eklektischer Querschnitt durch die kontemporäre Urban Art Szene, der neben wenigen Tags und Throw-Ups hauptsächlich Illustrationen, Zeichnungen und Grafiken zeigt. Mit dabei sind auch Namen, die den meisten Berliner Vernissage-Dandies etwas sagen sollten: SozyOne, Base23, Ink-a-Zoid. “Schwarz auf Weiss Vol. II” ist visueller Urlaub in einer reizüberfluteten Neon-Welt.
Schwarz auf Weiss Vol. II
von Christian Schupp, Jörg Lindemann
und Thorsten Schuh
From Here To Fame Verlag, 2011
144 Seiten
ISBN 978-3937946061
Jede Nacht riskieren Sprayer in den Straßen dieser Stadt viel mehr als du denkst. proud erklärt, warum.
§ 303 Sachbeschädigung
(1) Wer rechtswidrig eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert.
(3) Der Versuch ist strafbla bla bla…
Sachbeschädigung.
Dieser kleine Fetzen Beamtendeutsch blitzt immer wieder auf, wenn Nacht für Nacht Künstler dieser Stadt ihre Taschen packen. Er ist der Grund, warum man an den Boden der Dosen kleine Magnete klebt. Sie halten die Kugel in der Kanne fest und unterdrücken das verräterische „Klack-Klack-Klack“ Geräusch, das in einer menschenleeren Straße die Lautstärke eines englischen Hooligans zu haben scheint. Was lässt man sich nicht alles für einen Quatsch einfallen, um ja nicht gefickt zu werden. Man zieht sich orange Warnwesten an und kleistert wie selbstverständlich die Wand zu. Man schneidet den Boden aus Pizza-Kartons und klebt stattdessen eine Schablone rein, um irgendwo zwischen James Bond und Mr. Bean ganz beiläufig eine Mauer zu besprühen. Immer wieder geht man mögliche Fluchtwege im Kopf durch, um dann trotzdem beim kleinsten Geräusch zusammenzuzucken. Warum?
Um ja nicht erwischt zu werden. Denn das Problem mit dem Erwischt werden beschränkt sich nicht auf ein mögliches Verfahren, auf Reinigungskosten, Sozialstunden oder Hausdurchsuchungen, obwohl das nicht unterschätzt werden darf. Einen besprühten Waggon wieder „sauber“ zu kriegen kostet einige zehntausend Euro und da die Ansprüche nicht verfallen, haben sich auf diese Weise schon einige Kids bis in’s Rentenalter ruiniert. Für die meisten Künstler wiegt ein anderer Punkt viel schwerer: Der Verlust der eigenen Identität. Einer der faszinierendsten Aspekte am Sprayen ist die paradoxe Verbindung von Bekanntheit und Unbekanntheit. Ein Tag kann stadtbekannt sein und die Person dahinter trotzdem anonym bleiben. Man schiebt eine neue Identität vor die eigene Persönlichkeit, eine Identität die nur auf Mauern lebt, und umgeht damit elegant die stetige Forderung der Gesellschaft zur Selbstdarstellung. Die Künstler verbringen viel Zeit damit, ihr Tag (weiter-) zu entwickeln und machen sich buchstäblich Stück für Stück einen Namen in der Stadt. Doch in der Sekunde, in der das grelle Licht einer Polizeitaschenlampe vom frischen Piece an der Wand auf den eigenen Personalausweis wandert, verschwindet die Grenze zwischen den beiden Identitäten, und die Künstler müssen ihren Namen beerdigen. Berlin hat die bundesweit größte SOKO Graffiti, und diese Sonderkommission hat das streetsbeste Blackbook der Stadt. Viele neue Arbeiten werden hier dokumentiert, und wer Pech hat, erhält über dieses Buch die Quittung für seine gesamte Karriere. Wer also nachts mit einem Rucksack voller Dosen um die Häuser schleicht riskiert mehr als bloß ewige Verschuldung. Er riskiert seinen Namen, seine kreative Identität. Und mit jeder erfolgreichen Mission wird die nächste nur noch riskanter.
Also wozu der ganze Zirkus? Warum der ganze Tanz? Wieso riskiert man für ein paar Farbkleckse jahrelang pleite zu sein?
Die Frage zielt auf die Seele von Street Art und Graffiti. Es ist die Frage nach der Motivation, die unbescholtene Bürger nachts aus ihren Häusern auf die Straßen treibt. Die Antwort sieht für jeden Künstler anders aus, doch gibt es Schnittmengen, die sogar Kings und Toys verbinden. Denn urbane Kunst ist immer ein Kommentar über die Umwelt, in der sie geschaffen wird. Christian Rothenhagen, der als deerBLN seine Kunst an Wände klebt, fasst seine Intention sehr prägnant zusammen: „Ich möchte die Welt zu einem schöneren Ort machen.“ Damit beschreibt er den Perspektivwechsel, den wohl jeder kreative Mensch irgendwann mal vollzogen hat: Vom Beobachter zum Gestalter. Aber ist der kreative Drang bei allen so stark, dass sie Zeit, Geld und Eier investieren, um ihre Umwelt zu verschönern? Herb, Künstler aus Perth, beschreibt seine Motivation wesentlich politischer: „I hope to make a difference to the way people think. And, coming from an advertising background, with the trash out there trying to sell shit to people who don‘t need it, for profit, it is also extremely refreshing. The risk and the punishment are its own reward.” Letzten Endes ist jede Form von urbaner Kunst schon dadurch politisch, dass sie illegal ist und damit in Kontrast zu den legalen Impulsen steht, die jeden Tag um unsere Aufmerksamkeit kämpfen: Werbung. Ironischerweise arbeiten viele Street Artists tagsüber in der sogenannten „Kreativbranche“. Sie sind Grafiker, Werbetexter, Mediengestalter oder Designer. Für viele von ihnen ist Street Art ein Ventil, um nach ihrem Handwerk der Inszenierung authentische Kunst zu schaffen. Das ginge aber auch genauso gut auf legalem Wege. Also warum der ganze Stress?
Für Paul, Undenk-Mitglied aus Köln, ist der ganze Stress genau der Punkt: „Das Katz und Maus Spiel ist mindestens der halbe Spaß.“ Damit spricht er das Suchtpotential von Street Art und Graffiti an. Jeder, der mal mit ein paar Dosen durch die Nacht geschlichen ist, wird bestätigen können, dass es nur wenige Erfahrungen gibt, die so intensiv sind wie der konstante Adrenalin-Kick und der folgende, paradiesische Come- Down. Dieses natürliche High schlägt locker jede Berghain-Pille und zwingt einen wieder und wieder auf die Straße. Aber wenn es um Adrenalin geht, warum nicht Basejumpen oder U-Bahn- Surfen? Würde nicht mehr Risiko mehr Kick versprechen? Wenn das Katz und Maus Spiel die eine Hälfte ist, was ist die andere?
Ramon, Writer und Street Artist, trifft den Nagel auf den Kopf: „Das hier ist meine Welt, genau wie es deine ist. Es ist nicht die von Nestlé und Nike.“ Street Art und Graffiti sind mehr als eine Kunstform, sie sind eine Protestform. Wer eine öffentliche Wand bemalt, egal ob mit dem hässlichsten Tag oder dem kompliziertesten Multi-Layer Stencil, bricht eine Regel und gibt damit ein Statement ab. Er widerspricht. Er widerspricht einem Staat, der diesen Kommentar verbietet, und einer Gesellschaft, die es dem Kapital erlaubt, jedes ihrer Mitglieder mit über 3000 Werbebotschaften pro Tag zu bombardieren. Jeder urbane Künstler beansprucht einen Teil des urbanen Raums für sich, ohne jemanden vorher um Erlaubnis zu bitten. Damit erobert er ein Gebiet zurück, das schon längst stillschweigend zwischen depri-grau und funkel-bunt aufgeteilt wurde. Das Risiko, die Illegalität, das Medium ist hier die Message. Der reine Akt der kreativen „Sachbeschädigung“ ist unabhängig vom Inhalt schon ein Einspruch gegen die bestehende Ordnung.
Risiko und Illegalität sind integrale Bestandteile der urbanen Kunst. So sehr, dass sie ihr erst Kontext und Relevanz verleihen. Die Frage nach dem Risiko beantwortet sich selbst: Man tut etwas Illegales, um etwas Illegales zu tun. Warum? Sie haben die Macht. Doch wir haben die Nacht
Smash 137 gilt als einer der aktivsten und bekanntesten Writer der Welt. Seine nunmehr 20 Jahre dauernde Odyssee zum perfekten „Style“ hat die internationale Graffiti-Szene stark beeinflusst, und dem Schweizer Künstler neben Fame & Fortune auch eine saftige Verurteilung eingebracht. proud hat Smash 137 eine Berliner Nacht lang begleitet – und eine Verwandlung durch Aerosol und Adrenalin beobachtet.
Graffiti ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich. Eine Subkultur, die ihren Anspruch auf Anonymität und Unzugänglichkeit mit Haut und Haaren verteidigt – und das ausgerechnet im öffentlichen Raum. Grafittis Faszination ist so stark, dass es die am meisten ausgeübte illegale Tätigkeit der Welt ist – und dennoch so schwer zu fassen, dass selbst die Protagonisten sie nicht auf eine prägnante Formel bringen können.
Einer dieser Protagonisten ist Smash 137. Smash hat im Alter von 10 Jahren angefangen, zu sprayen. Mit 12 hat er seinen ersten Zug bemalt, was als Tatsache so abenteuerlich klingt, dass es zwangsläufig Assoziationen zu asiatischen Klavier-Wunderkindern weckt. Mit 21 wurde er Mitglied des illustren „Montana Writer Teams“, das als eine Art Ocean’s Eleven des Graffiti um die Welt jettet. Mit dem Unterschied, dass hier nur fünf Künstler mitmachen dürfen – und jeder einzelne eine Szene-Legende ist. Mit 29 wurde er in seiner Heimatstadt Basel an einer Wand einkassiert. Drei Jahre später eröffnet er seine Ausstellung in Berlin. In der Nacht davor treffen wir ihn am Ostbahnhof. In seiner Tasche klackern ein paar Dosen. Bei diesem Interview spekulieren wir darauf, dass sein Bild mehr als 1000 Worte sagen wird.
Es ist kurz nach Eins. Smash und JUST, der heute unser Fotograf sein würde, machen sich bekannt, und geben dabei unwillkürlich Einblick in die Funktion der Graffiti Szene: Beide haben schon vorher voneinander gehört und begegnen sich deshalb als Künstler auf Augenhöhe, die eine Leidenschaft teilen. Sie finden in einer Subkultur, die auf Grund ihrer illegalen Identität von Vorsicht, Misstrauen und Einzelgängertum geprägt ist, ihre gemeinsame Basis. Schon wieder ein Widerspruch.
Das Gespräch verstummt kurz, als zwei Bundespolizisten an uns vorbeilaufen. Wir machen uns auf den Weg.
Das Areal rund ums Berghain bietet einige Wände, doch sie alle wären ein Kompromiss. Die freien Stellen würde niemand sehen, und alle, die gesehen werden, sind belegt. Das Gespräch dreht sich ums Gebustet werden. JUST erzählt, wie sie vor kurzem bei einer Aktion erwischt wurden, und in den Lauf einer Pistole geblickt hätten. Smash hat viele Freunde, die sich durchs Sprayen ruiniert haben. Gerade als der Gedanke auftauchen will, ob es den ganzen Stress wert ist, fragt Smash in seinem Baseler Akzent, der sich für Ungeübte kaum vom Wienerischen unterscheiden lässt: „Hast du nie mal einen deiner Züge in den Bahnhof einfahren sehen? Hast du da nichts gespürt, nicht so eine kleine Flamme?“ Rational lässt sich diese Kultur wirklich nicht erklären.
Wir steigen in eine große Baustelle an der Rüdersdorfer Straße ein. Als sich die Plane über dem Gerüst hinter uns wieder schließt, passiert etwas. Jeder Schritt wird nun bedacht, jedes Geräusch mit den Augen verfolgt. Die Stimmung schlägt um, in Konzentration. Wir entdecken einige Neonröhren, die eine Wand mit grellem Licht überfluten, und sind unentschlossen, wie wir das jetzt verstehen sollen. Beleuchtung für einen Sicherheitsdienst? Abschreckung für Vandalen? Arbeitslicht für Smash 137?
Wir folgen den Verlängerungskabeln in den ersten Stock, dann in den zweiten. Kein Schäferhund zu sehen. Wir klettern auf einer Leiter auf den Dachboden des Gebäudes, vielleicht kommen wir ja auf‘s Dach. Doch der Weg endet hier, und nur für‘s Foto zu malen ist Smash zu langweilig.
Es ist kurz nach Zwei. JUST ist eine Wand eingefallen, die unseren Ansprüchen entspricht, und wir fahren in einem abgerockten Volvo mit Schweizer Kennzeichen durch die Berliner Nacht, vorbei am Alex, vorbei an den Nutten auf der O’Burger, mitten ins Regierungsviertel. Smash wundert sich über den Anti-Style der Berliner Graffiti, für den es viele Erklärungen gibt, der aber eigentlich keine braucht. Denn in der schönsten, hässlichsten Stadt der Welt sind schön-hässliche Bilder nur konsequent.
Wir parken an der Spree, und passieren wenig später den ersten Zaun. Auf den Gleisen über uns wird gearbeitet, und wir stapfen in einer Reihe an der Mauer des Bahndamms entlang. Hier wächst das Gestrüpp meterhoch; Niemandsland, mitten in Berlin, keine 500 Meter vom Kanzleramt. Ein weiterer, letzter Zaun wartet, doppelt so hoch wie der erste, mit Stacheldraht, an dem jeder von uns mindestens einmal hängen bleibt. Wir sind am Spot angekommen. Hier vereinigen sich alle vier Elemente, die aus dem netten Kerl aus Basel plötzlich Smash 137 machen: Wand, Dose, Nacht und Adrenalin.
Was ich hier erlebe, ist tatsächlich eine Verwandlung. In der Sekunde, in der er sich die Handschuhe und eine Jogginghose überstreift, um sich vor der Farbe zu schützen, und die Dosen gegen seine Ferse schlägt, um die Pigmente vom Boden zu lösen, sinkt Smash 137 in einen scheinbar Trance-artigen Zustand der Konzentration. Er spricht kein Wort mehr; er dreht sich nicht mehr um – er malt einfach. Mit mühelosen Bewegungen, deren Sicherheit an die eleganten Bewegungen einer Katze beim Klettern erinnern, zieht er in breiten, satten Linien seinen Namen an die Wand. Er scheint keine Ecken, keine Kanten, keine Winkel zu produzieren, sondern organische, runde Formen, die miteinander kommunizieren. Man sieht mit eigenen Augen, was dort an der Wand passiert, man versteht den technischen Ablauf, das Zusammenspiel von First-Outline, Fill-In, Outline und Highlights, und doch begreift man trotzdem nicht, wie dort entsteht, was dort entsteht. Wer einmal eine Dose in der Hand hatte, verzweifelt schnell an den vielen Faktoren, die bestimmen, wie die Farbe auf die Wand trifft: Die Geschwindigkeit der Bewegung, die Distanz zur Mauer, der Winkel der Dose, der Druck auf den Sprühkopf. Für Smash 137 scheint nichts davon zu existieren, seine Kontrolle, sein Flow ist derart selbstverständlich, die Dose scheint eine natürliche Verlängerung seines Arms zu sein. Es ist nicht so, als würde er jede Linie auf Anhieb perfekt malen, im Gegenteil, er korrigiert sich fortlaufend. Aber das Wort „Korrektur“ ist hier fehl am Platz, denn wenn er einen Strich nachzieht, wirkt es, als wolle er schlicht seinem Perfektionismus, seinem Anspruch an das Bild einen Schritt näher kommen. Sein Arbeiten lässt sich nicht durch pure Routine erklären, durch die tausenden Pieces, die Smash 137 in den letzten 20 Jahren gemalt haben muss. Wer ihm zusieht, bemerkt die lebensnotwendige Leidenschaft, die seinem Bild die faszinierende Leichtigkeit verschafft. Diese seltsame Symbiose aus Künstler und Kunst wird durch das eine Geräusch unterbrochen, auf das jeder konditioniert ist, der Unfug im Kopf hat: Eine Sirene heult auf.
Smash 137 lässt sich auch von dieser Störung nicht aus seiner Konzentration reißen. Er sinkt zusammen, und kauert vor seinem Piece, wie der Terminator, der gerade durch die Zeit gereist ist, nur mit mehr Kleidung und ohne Blitze. Spätestens in diesem Moment erinnert Smash mehr an einen Mönch im Gebet als an einen Künstler bei der Arbeit. Die Sirene verschwindet, und mit ihr die Aufregung. Smash malt weiter, er malt zu Ende, und das duftende Gemisch aus Treibgas und Farbe wabert von der glänzenden, nassen Wand zu mir herüber. Es erstickt jede alberne Frage nach dem Warum. Darum. Dieses Bild sagt wirklich mehr als 1000 Worte.
Smash 137 & Ruedione
Fotoausstellung
Carhartt Shop Berlin
06. November – 10. Januar 2009
Smash 137 – Smash Proof
von Amber Grünhäuser
On The Run Verlag, 2009
128 Seiten
ISBN – 978-3-937946-56-6
An interview with a 24-year old US Army officer on his way to Afghanistan.
I met Thomas when we were both still teenagers, at a High School event in Pennsylvania, where we exchanged HipHop CDs and joked around. Fast forward 8 years. My friend Thomas has spent the past 5 years training to become an officer in the US Army. That means that this summer, at age 24, Thomas will be commanding his first own unit. His job will be to lead a group of soldiers between the ages of 18 and 35 through Afghanistan: Hunting terrorists. Befriending the locals. Staying alive. During a recent Skype interview, we talked about his training at the US Military Academy at Westpoint, his reasons for joining the army, and his view on combat, war and violence.
Hey Thomas. Where are you at the moment?
I’m at Fort Benning, Georgia. Fort Benning is the major training post that the army has.
What’s going to happen after that?
Whenever I leave here, I go to Germany, and depending on how they are staffed, they may have a platoon for me immediately.
What kind of platoon would you command?
Guys with guns.
30 guys with guns.
Exactly.
And you tell them what to shoot at?
I get told a general idea of an area we need to go to and things we need to accomplish there. My command will give me a mission that is suited for about 120 people to accomplish.
And I suppose the whole idea for you is to be deployed, right? I mean, you guys have lots of action going on these days.
Yeah, more than we want and need, right?
Well, that’s actually one of my questions. It seems like that’s what you train for, years and years, and that the whole idea is to see combat. I get the feeling that it’s a distinction for a soldier to go into combat, that it’s an important part of being a soldier. Is this something you look forward to or are excited about?
Well… there’s sort of two aspects to it. People are complex organisms. On the one hand, you don’t want there to be war, because as a soldier, that means time away from your family, that means physical danger for you and people you care about in your unit. Also, it’s not that enjoyable to go and be in a foreign land and work long hours day after day. It wears on you. Also, and this is something I have no experience with but only heard about, there is the very real consequences of having to kill somebody and having to deal with that. Everyone does that part regrettably, because it’s your job. In that respect, people don’t enjoy combat. It’s not an intrinsically enjoyable thing. It’s bad. People die, it’s tough work, you’re separated from your family, it’s dangerous. But on the other hand, because there is a greater sense of purpose for doing it, there is really a desire, for me at least, to go and contribute something to the world with the training you have received. I have been training for what, four years, going on five years now. Four years of academy and almost a year here at Fort Benning, it’s like five years and there are wars going on, so if I wouldn’t go fight, I’d feel it’s all wasted. So people around here want to go and want to contribute with their skills, because they have been training hard day after day after day for five years, and they want to go and contribute to the effort.
And the prospect of actual combat is more a sense of contribution than just being deployed at some foreign base? How would it have been 25 years ago, in the mid-80s, when there was no major combat going on?
I see what you are saying. First of all, I wasn’t in the army in the eighties, but the idea back then was to produce readiness, to prevent the Soviet Union from doing evil deeds. But I have no experience with that. All my experiences in the army are post 9/11, so it’s been a different world for me.
I was wondering about that. So I suppose 9/11 was the decisive turning point in the psyche of the US military?
Well, I’ve heard people say, like upper level leaders, they’ve seen a shift in the seriousness of soldiers training, and people taking it more personally, as the threat is more real now. If you don’t train well now, you will definitely be unprepared for combat, which you will definitely see. There’s a definite shift post 9/11.
Is this a constant presence during your training? Like: You will see combat, and this is why we’re doing this?
Definitely. The people that train you will engrain that into you so much. Any sort of mistake, they will always imply that there are life and death consequences to it. Say, you’re trying to lead people through the woods, and you get lost or whatever, the people that are training you will say: “Your failure to lead people through the woods here, in a real combat scenario, could cost the lives of all your men. You just killed thirty of these people. Everybody here is dead now – because of you.” And they will say it right to your face: “Your failure has killed everybody here.” And they say that all the time.
What kind of feeling is that kind of pressure? How do you handle that? You’re like what now, 24?
Yeah, 24.
So you’ll be 24 when you command 30 people, right?
Yes.
So you’ll probably see combat before the age of 25, while commanding 30 people. That, to me, seems like an awful lot of responsibility. It’s quite heavy to think about. How do you handle that?
Well, there are a couple of things. Personally, there is a personal faith in God, you have to have that. If I hadn’t had the belief in a greater power, it’d scare the shit out of me to do this. So that’s something I take personal comfort in. But as far as professionally handling the situation and the pressures, I think a lot of the reasons why the trainers will always mention death, and why oftentimes in training the mission will go awful and tons of people will “die” and you have to carry them out on stretchers and all, so that you’re prepared for it combat. So you can say, I’ve done this before, multiple times. So there’s confidence in the training you have received. And it’s not like that happens over night. The first year at Westpoint, you learn to follow. The second year, you’re in charge of one or two other people and teach them how to follow. The next year, it’s ten people. You grow.
What made you enlist at Westpoint? Why did you choose the Army, and would you say the reasons have changed over the years?
My reason for joining the Army has consistently been the same. You know how you have in High School that time when you have to grow up and figure out what to do? I heard a lot of my friends talk about jobs, and what kind of job gets you the most money. I had a moment where I realized I wanted to look back and see that I had made a contribution to society, that I made a difference in people’s lives. So the main reasons for joining the Army were that for one, the operations you’re doing can make a difference in people’s lives, whether it’s doing disaster relief, or peace keeping, or all-out war fighting. Your actions affect people’s lives and you have the ability to make those better. Another reason was that taking care of your own personnel, the people you’re in charge of, is really important and can also affect their lives for the better.
Did you actively choose to go into combat?
Yeah. I could have chosen a different branch and gone into an office somewhere. I was able to pick the branch and the post I want to do, so I chose infantry and Germany, which means I will go to combat at some point.
I’m really curious about the concept of violence in your life. I mean, as a soldier, your main objective is to prevent violence and at the same time you are subject to violence and you use violence. You do both, you do shoot and you get shot at. What’s your view on that?
Well, the Army has a lot of contradictions. In order to avoid a greater suffering, you have to cause the suffering of other people, and it is difficult to resolve that contradiction. While we were in the academy, they emphasized the importance of being able to justify killing the people that you kill. Because you can train soldiers to kill people and not think about it, you almost have to do that so they can function in the heat of the moment. But it is the responsibility of the platoon leader to assess whether it’s right to use lethal force or not. How do I handle that responsibility? In some cases it’s really complicated, in others it’s not. In my mind, if you feel like somebody is posing or could pose a lethal threat, you’re justified in killing them. Are the NATO forces justified in being in Afghanistan? If you say “yes” to that, because it’s dangerous for terrorists to be committing acts of terror worldwide, then your presence there is justified, and then your self-defense in that area is justified. And then you’re justified in killing people who want to harm you for being there. You have to start at a higher level and sort of work it down to: “Is it okay that I ordered those people on that ridge line to be shot at and killed?” You have to resolve that with yourself.
I guess the question is not all that hard, because when you’re a platoon leader in Afghanistan, and you’re getting shot at, and you’re such a closely-knit group of people that spend all this time together, obviously there is no question, because they are shooting at your friends. But then again, it must be a lot more complicated when you say, okay, we go out and attack someone now.
When given a situation as straight-forward as: We’re walking down the road and people are shooting at us, there are very few people, who would say you’re not justified in shooting back and killing them. But as a platoon leader, you often run into a problem like: We capture someone, and you suspect them to be a terrorist, but you don’t have the required evidence and the person is not cooperative, but you know he has information of a roadside bomb or something. The natural thing to do would be to kick the guys ass so your people don’t die as a result of that bomb. But as a platoon leader, you are morally responsible for the situation and you can’t do that. You have to assess the situation and you have to turn the guy over to the appropriate authorities who will question him properly. You have to maintain the moral high ground. If you were to ignore the rules of warfare and start beating detainees, that makes you no better than the terrorists that you’re fighting. If you go in and kill bad guys, you will have no regret killing bad guys, but if you’re killing guys who just act the same way as you do, then it’s just guys killing guys, and that’s when people start having regrets about what they do in combat.
The soldiers in your platoon, they tend to be younger than you?
Well… both. But that’s really the challenge. You’ll have a good number of people in your platoon, you know, 18, 19, 20 years old. They’ll be the lower level enlisted personnel, you know, privates and specialists. But then, the leaders you’re in charge of, the squad leaders, they will be older than you are and more experienced in the Army. And then your platoon sergeant…
What’s a platoon sergeant? Is he your right hand man?
Yes, exactly. He’s also responsible for the platoon, but for different aspects. It’s up to you and the sergeant to separate the duties. And this is one of the most interesting aspects of the Army. I’ll be a platoon leader at age 24, and I’ll be the boss of somebody who has been in the Army for 10, 15 years and has probably seen three to four deployments to Iraq and Afghanistan. Obviously it’s a give and take relationship. You’d be a fool to go in there and think you know more than him.
So on the one hand, you get the older, experienced platoon sergeant, and on the other hand you get 20 kids at the age of 18, 19, for the first time away from home, and you have to lead this group in a combat environment in Afghanistan…that’s a nice start for world travel.
Viele Leute träumen von ihrem eigenen Ding, bleiben jedoch weiter in ihrem Bürojob sitzen. Andere stehen auf, glauben an ihre Vision und ziehen es einfach durch. Und stehen dann zum Beispiel in einer der interessantesten Galerien Deutschlands, die sie ihr Eigen nennen. Wie beispielsweise Coskun Gueven in der ArtyFarty Galery im Belgischen Viertel in Köln.
Schwerpunkt der Galerie ist junge, zeitgenössische Urbane Kunst, und so geben sich Szene-Größen wie Jeremy Fish, Niels „Shoe“ Meulman oder ROA die Klinke in die Hand. Die gezeigten Arbeiten repräsentieren den Geschmack von Coskun, dem Mastermind hinter ArtyFarty, und lassen gleichzeitig ahnen, wo er herkommt. „Ich habe lange die Art Division für Carhartt gemacht“ erzählt der gutgelaunte Macher. „Und mir mit der Galerie endlich einen lang gehegten Traum erfüllt“. Visionen sind dazu da, umgesetzt zu werden, so das Credo der jungen Galerie.
Das spiegelt sich auch in den Ausstellungen wieder: Die Künstler haben die größtmögliche Freiheit, ihre Ideen umzusetzen. So war beispielsweise Herrn Schulze und Wayne Horse eine Galerie zu wenig und sie zogen kurzerhand eine Wand durch den Raum: so entstanden eine weiße und eine schwarze ArtyFarty Gallery. „Der Umbau hat auf jeden Fall geflasht“ meint Coskun, was auch schon das Hauptcharakteristikum in der Künstler-Auswahl darstellt: Der Überraschungs-Aspekt. „Die Werke müssen Eindruck hinterlassen. Im Idealfall regen sie zum Nachdenken an, zum Lachen oder Weinen. Manchmal reicht es auch schon, wenn sie ein Lächeln in die Gesichter zaubern. Ich zeige hier eigentlich nur Sachen, die mir gefallen und die diesem Anspruch gerecht werden.“
Die Überraschungen sind bisher durchweg gelungen: So gab es neben klassischen Ausstellungen auch Wandbilder, Skulpturen, Live-Paintings oder das Hatch Stickermuseum aus Berlin zu sehen – selbst die legendären Souls Of Mischief oder Cody ChesnuTT spielten schon in den Kellerräumen.
Angesprochen auf die Lage im Basement erzählt Coskun lachend: „Das fehlende Tageslicht ist Vor- und Nachteil. Es kann auf langer Sicht depressiv machen, immer im Keller abzuhängen. Andererseits gibt es so keine äußeren Ablenkungen und es stellt die Kunst in den Mittelpunkt.“ Wer verstehen will, wie positiv sich die Lage im Untergeschoß auf die Ausstellungen auswirkt, muss nur einmal den Weg die dunkle Betontreppe herunter wagen. Man taucht ein in einen geschlossenen Kosmos, der nur aus tollen Bildern und netten Leuten zu bestehen scheint. „Hauptsache, die Besucher sind nicht Monster unfreundlich…“ beschreibt der Macher seine Zielgruppe. Und tatsächlich: Auf den Vernissagen trifft man auf Kunstnerds im Rollkragenpullover genauso wie auf Hipster in Röhre. Sie alle verbindet nicht nur die Kunst, sondern auch die Tatsache, dass man meist länger bleibt als geplant und sich festquatscht. „Auch mit den Nachbarn komm´ ich gut klar, speziell wenn es gerade zu den Vernissagen mal etwas voller wird.“
Dass Coskun’s Konzept aufgeht, merkt man an der steilen Entwicklung der ArtyFarty Gallery im Jahr 2011. „Wir sind jetzt mehr Leute – vorher habe ich alles allein gemacht, und jetzt haben wir diverse Strukturen aufgebaut und die dementsprechenden Leute die uns Tatkräftig unterstützen“ sagt Coskun. Die neuen Strukturen kommen auch direkt zum Einsatz: Unter dem Namen „Substitution Line“ werden vier Foto-Ausstellungen von jungen Talenten wie Robin Maddock gezeigt, der mit seiner Kamera in England SEK-Teams begleitet hat. Dazu passend wird auch ein kleiner Buchladen in der Galerie eröffnet, wo es Erstauflagen, Unikate und sonstige Specials aus Kunst und Fotografie zu kaufen geben wird.
Die größte Neuerung ist aber mit Sicherheit die ArtyFarty Bar, die am 15. Januar die ersten Gäste begrüßte und sich schnell zum Geheimtipp in der Kölner Szene mauserte. Bei Electro, Funk und Soul bewirtet Coskun mit seinem Team jedes Wochenende 500 Gäste direkt neben seiner Galerie. Die Idee ist simpel: „Die Bar hilft der Galerie kompromissloser Auszustellen. Ich hab mir lange darüber Gedanken gemacht, dass unser Grundkonzept nicht verwässert wird – denn wir haben keine Bar mit Galerie, sondern eine Galerie mit Bar“, erklärt der Multitasker die Prioritäten. Das Kneipen-Publikum, bunt gemischt zwischen 20 und 40, zieht dabei auch wieder neue Besucher in die Ausstellungsräume.
Die gute Resonanz füttert die Ambitionen der Galerie: „Wir gehen weiterhin in eine gute Richtung, entwickeln uns jeden Tag ein wenig weiter und kommen unseren Zielen näher.“ Bei allem Höhenflug der letzten Monate bleibt Coskun trotzdem auf dem Boden: „Wir sind keine herkömmliche Galerie. Wir verkaufen nicht um jeden Preis, denn Kunst ist keine Ware, da steckt viel zu viel Herzblut drin. Für mich ist das hier kein Geschäft, sondern ein Projekt.“ Ein Projekt, das sich prächtig entwickelt.
Leipzig ist eine der Städte, die von der Wende profitiert haben: Wer hier durch die Straßen fährt, staunt über die vielen Prachtbauten. Da gibt es, frisch saniert, Europas größten Kopfbahnhof, das auf Kriegstrümmern erbaute Zentralstadion, oder die ebenfalls renovierte Oper. Auch viele Häuser aus der Gründerzeit haben Krieg und DDR überlebt und stehen 2011 da wie aus dem Ei gepellt. Der Stadt geht es gut, und das gibt Raum für Entwicklung.
Ein Beispiel für eine solche Entwicklung findet sich im Tapetenwerk, einer sanierten Industrieanlage im Künstlerviertel Lindenau. Hier, keine 500 Meter vom kreativen Epizentrum der Neuen Leipziger Schule in der Baumwollspinnerei entfernt, haben die Künstler Erik Weiser und Moritz Frei einen Raum geschaffen, in dem sie ihre Rolle wechseln. Als Kuratoren realisieren sie hier Projekte abseits des gewöhnlichen Kunstzirkus. Frei von den üblichen Klischees und Ansprüchen einer Kunstgalerie geben sie der Kunst neuen und vorurteilsfreien Raum, sich zu entfalten. Daher der Name: Kunstraum.
Wie das konkret aussieht konnte man im Februar bestaunen: Statt eines traditionellen Künstlers luden die beiden Christian S. ein. Der Sammler stellte dutzende Suchplakate aus, die er seit 1994 an Bauzäunen und Laternen zwischen Leipzig und Berlin entdeckt hatte. Gesucht wurde auf den Postern nach entlaufenen Hunden und Katzen, aber auch nach Taschendieben oder Seelenverwandten, teils mit tragischem, teils mit komischem Ausgang.
Was auf den ersten Blick banal aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ziemlich buntes Mosaik: Welche Tiernamen sind beliebt? Wie kann eine Schildkröte entlaufen? Und was sagt die Art der Suche über Jäger und Gejagten? Was im Alltag nicht weiter beachtet wird, rücken Erik Weiser und Moritz Frei in den Fokus, in dem sie es an die weiße Wand eines Kunstraums hängen.
Damit senken sie die Hemmschwellen und schaffen durch den Kontext Kunst, mit der sich jeder auseinandersetzen kann, der einmal an einer Ampel stand. Ihre Assistentin Sophia Pietryga erklärt das so: „Wir vermeiden dieses elitäre, zeitgenössische Kunst-Ding. Natürlich versuchen wir auch in einem gewissen Kontext gute Kunst zu zeigen, aber es ist trotzdem immer was, wo dann noch ein Konzept hintersteht, wo einfach jeder etwas mit anfangen kann. Ein Beispiel war die „Einzelausstellung für 1,99€“, da finden manche es vielleicht einfach nur lustig, dass man für 1,99 € ein Los kaufen kann und dann eine Ausstellung gewinnt, aber so findet bei uns jeder einen Punkt, der ihn interessiert.“
Die Arbeit als Galerist und Kurator bringt auch dem Künstler Erik Weiser eine neue Perspektive: „Ich glaube, alles verändert einen. Ich kann jetzt noch nicht genau sagen, wie sich das in meiner Kunst widerspiegelt, aber ich glaube, ich werde offener den Galeristen gegenüber. Man versteht die andere Seite jetzt manchmal ein bisschen besser.“
Auch in ihrer persönlichen Kunst beschäftigen sich die beiden Macher mit der fließenden Grenze von Alltag und Kunst, ganz in der Tradition der Konzeptkunst. So haben sie bei ihrem Projekt „Kunstgewinnspiel“ während des gesamten Jahres 2010 an über 7000 Gewinnspielen teilgenommen. Gewonnen haben Sie dabei ganze 29 Mal – wobei von einer Familienpackung Pampers bis zu einem Hometrainer aller mögliche Unsinn dabei war. Jetzt bauen sie aus den Preisen Objekte, die an Duchamps Ready-mades erinnern und die Absurdität von kommerziellen Gewinnspielen spielerisch visualisieren.
Ob sie die über 15.000 Seiten E-Mails ausdrucken, mit denen sie im letzten Jahr im Rahmen der Gewinnspiele überschwemmt wurden, ist noch offen – sicher ist, dass die Ergebnisse des „Kunstgewinnspiels“ ab Juni zu sehen sein werden.
Auch dieses Projekt folgt wie auch die Kuration der Galerie der Idee der Interaktion, erklärt Erik Weiser: „Es geht darum, zwischen dem Betrachter und der Kunst eine Beziehung herzustellen. Wir versuchen, die Schranken zwischen Kunst und Publikum abzubauen“.
Dieser Gedanke dominiert auch die nächste Ausstellung: Im März und April zeigt der Kunstraum Benjamin Richard die Ausstellung ”B L O C K – Eine Gruppenausstellung in II Phasen”. Wie der Name schon sagt geht es um das Thema Block in allen Variationen – vom Häuserblock bis zum Blockbuster ist alles möglich. Und auch hier wird wieder zur Interaktion aufgerufen. Bis zum 1. April kann jeder Künstler Kunstwerke zum Thema „Block“ einreichen – wer mehr wissen will, schreibt an info@benjaminrichard.de
Seit Ende des Jahres 2009 arbeiten Erik Weiser und Moritz Frei gemeinsam unter dem Namen Benjamin Richard. Für ihr erstes Projekt KUNSTGEWINNSPIEL nahmen sie 2010 an über 7000 Gewinnspielen teil. Ziel war aus dem Gewonnenen Kunstwerke zu entwickeln und gleichzeitig dokumentierten sie täglich den Verlauf der Aktion auf www.kunstgewinnspiel.de
Aus 29 Preisen sind Objekte realisiert worden. Diese werden ab dem 10. Juni erstmals im Kunstraum Benjamin Richard präsentiert.
Fünf Jahre hat es gedauert, endlich isses soweit: System Of A Down kehren 10 Jahre nach ihrem Durchbruch mit Toxicity auf die Bühne zurück.
Jeder, der sich auch nur entfernt für Gitarren-Musik interessiert, wird sich wohl noch wehmütig an den Sommer 2001 erinnern, als die vier Armenier mit Chop Suey!, Toxicity oder Aerials eine Bombe nach der anderen veröffentlichten. Schlag auf Schlag folgten danach Steal this Album!, das aus der selben Phase wie Toxicity stammt, ausgedehnte Touren um den Erdball und schließlich die musikalische Antwort auf die Bush-Ära, das Doppelalbum Mesmerize / Hypnotize. System Of A Down machten Metal plötzlich auch im Mainstream angesagt.
So viel Action wurde den Jungs etwas viel, und statt wie andere Bands des damaligen Hypes einfach zu verglühen (Ich rede mit dir, Limp Bizkit), machten die Vier eine ausgedehnte Pause. Sänger Serj Tankian und Gitarrist Daron Malakian, die beiden musikalischen Köpfe hinter S.O.A.D., probierten ihre Ambitionen in Solo-Projekte zu verwirklichen. Das klang gar nicht schlecht, der Erfolg blieb aber wie so oft bei solchen Versuchen leider aus. Bassist Shavo Odadjian arbeitete mit dem Wu-Tang Clan und fing an zu malen, während Drummer John Dolmayan unter anderem für einige Shows bei Tool einsprang.
Ende 2010 kam dann die Botschaft, auf die Fans rund um den Globus gewartet hatten: System Of A Down gehen wieder auf Tour. Drei Gigs in Deutschland laden auch hierzulande wieder zum Pogo- Tanz ein: Die beste Hard Rock Band der Welt spielt am 3.-5. Juni bei Rock am Ring und Rock im Park sowie 10 Tage später am 15. Juni in der Berliner Wuhlheide.