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„THANK YOU FOR THE MUSIC. “

#11 Last Word von Sophie Senoner

Wir sitzen Sonntagmorgen im Café, neben uns lachen Mädchen, wie wir, zum wiederholtesten Male über Morgenlatte, und es ist gut, denn wir sind jung und haben noch viel Zeit. Vielleicht, überlegen wir, tut es Berlin gut, dass Hertha momentan so verdammt schlecht spielt, weil sich sowieso schon alle einen auf die Stadt herunterholen. Das, was Deutschland braucht sind endlich wieder gute Tatorts. Neben uns reden Berliner über Zugezogene und leider kennen wir ihre Argumente viel zu gut und schämen uns, denn es erinnert stark an den lächerlichen Ausländerhass irgendwelcher Brandenburger Proleten. Eigentlich macht es nicht so viel, dass Bar und Rechenzentrum nicht mehr sind und dass im Watergate sogar der Zigarettenautomat prollig geworden ist. Denn Ritter B. war fast wie früher. Muss es eigentlich in jedem Lied um Liebe gehen?

Und warum habe ich noch mal mit dem Rauchen aufgehört?

Wir wandern von Neurosen zu Depressionen und spüren die drohende Vermittesierung von Kreuzberg nach Neukölln. Plötzlich steht auf dem Verkaufsschild des neugemachten Imbiss Pommes für Eins Fünfzig, Soße 15 Cent extra. Und ich wusste die ganze Zeit, dass sie sich nicht bei einem Euro halten können, aber man muss sich klar machen, nun sind es 3 Mark Dreißig und ich weiß, ich werde meiner Mutter immer ähnlicher, weil ich immer noch in DM umrechne, und irgendwie auch alt, denn ich kann nicht mehr zwei Tage hintereinander durchmachen.

Eisiger Wind um uns herum und die erste Frage ist: Darf man eigentlich Pelz tragen? Weil der doch eh schon 40 Jahre tot ist…

Dann fahren wir abends U-Bahn und die zweite Frage ist, warum es in ihnen keine Mülleimer gibt. Uns sitzt ein Mädchen gegenüber mit langen Fingernägeln, hohen Schuhen an und Grenze Untergewicht. Und man kann doch dann weder arbeiten, noch gehen, geschweige denn gut denken und so etwas kann sich nur ein Nazi ausgedacht haben. Ich weiß, man muss auch jede erschlagen, die den Leihservice für Designertaschen benutzt. Mehr Türsteherinnen, Pokerplayerinnen und Musikredakteurinnen, ohne an alles ein -innen anhängen zu müssen. Und dann wäre die dritte Frage, ob wir Mädchen nur Kostenerhaltung oder nicht auch Gewinnerzielung wollen (siehe ökonomischen Prinzip, BWL I).

Nein, keiner will so sein wie Agyness Deyn. Wir wissen noch nicht einmal wie ihr Name ausgesprochen wird und echte Männer wollen Frauen mit Pos, wo man Fahrräder abstellen kann. Vielleicht ist die einzige Lösung, dass wir zu einem Geschlecht zusammen wachsen.

Dann rechne ich aus, dass bei 87 % der Arbeitenden männlich und über 95 % brünett sind. Und ich weiß nicht, was der größere Rassismus ist. Aber Blonde wählen eh FDP. Zurück vom Arbeitsleben in‘s Studium gleicht nicht einem Rückschritt. Es ist eher wie Ferien: die Tage werden geplant, alles erklärt, der Status definiert. Ich muss nicht selbstständig sein, beeindrucken oder meine Identität suchen.

Vielleicht ist es Missmanagement, dass die Briefboten in Neukölln überall die vier Treppen hoch laufen, anstatt dass unten Briefkästen eingebaut werden. Aber es ist auch herrlich romantisch und jeden Tag erwarte ich den Brief vom Bafögamt und wenn man da anruft, dann kann es doch nicht sein, dass übergewichtige Frauen mit hinauswachsenden Dauerwellen, Beamtenausbildung und perversen Tierwitzen an den Wänden so dreist zu mir am Telefon sind!

Frech ist auch, dass man das Rückgeld für Briefmarken in verfickten 5 Cent Briefmarken zurück kriegt. Und ich verfluche dieses bescheuerte Kleingeld, weil es eh keiner braucht, denn nichts mehr nur einen einzigen Cent wert ist.

Nachts update ich mein Foto bei Facebook, und ich chatte mit meinem Ehemaligen, meiner besten Freundin, der Fotografin, mit meinem einen Chef, schreibe eine Mail an meinem Onkel. Und liege zufrieden im Bett, erfüllt von all den Begegnungen, die ich heute gemacht, ohne je Wohnung und Laptop verlassen zu haben.

Was passiert um mich herum? Menschen rennen in Beziehungen und stürmen wieder heraus, sind getrennt, schlafen mit anderen, flirten mit den besten Freunden und schmeißen sich dann wieder in die Arme des Ex zurück. Hat es mit meinem persönlichen urbaner Beziehungsmythos zu tun, der mich die klassischen Dates vermissen lässt? Und was soll eigentlich diese WINDOWS-MAC-KACK-KONKURRENZ-SCHEIß, der mich nicht meine FührerscheintheorieCD öffnen lässt?

Die Grenze zwischen schwulen Heteromann und sensiblen Liebhaber ist verflucht schmal. Und wenn Schwule nicht so verdammt spießig wären, würden sie auch endlich auf Frauen stehen. Was sagt eigentlich meine Glücksnuss zu mir? If something doesn‘t work do something different.

Text Sophie Senoner