proud magazine #17

Ich stehe im Ausguck. Hinten liegt der vergangene Monat und schwankt. Gestaltloses Gewaber von Ereignissen und ihren Reaktionen. Erst beim Umschauen bekommen sie Konturen. Kann nichts passiert sein? Eher nicht. Wenn ich wach war, ist immer etwas passiert und wenn ich schlief, habe ich etwas verpasst. Das Problem ist wahrscheinlich keines des Geschehens sondern seiner Aufzeichnung. Begebenheiten sind ihrer Benennung nicht vorgängig, sie entstehen erst, wenn von ihnen gesprochen wird. Produzieren wir also den Mai. Wie folgt wird er gewesen sein:
Todgelaubt, erwacht, zielstrebig nach Osten orientiert, die Jannowitzbrücke zu jeder Tages- und Nachtzeit. Klabautermänner lenken Dich in Treibsand. Segel weiter über die Düne!
Rückzug von Öffentlich zu Privat und wenn es geht auf einem anderen Irrweg wieder zurück.Insgesamt wechselweise Umkehrungen. Abwechselnd machen wir das Wochenende zur Arbeitszeit. Versuch der Synchronisierung kann gelingen. Rettung durch Radikalisierung, das übliche Zeitschema durchbrochen, Gleichgewicht hergestellt.
Die Wirklichkeit schwillt an und sinkt plötzlich. Der Wasserpegel im Aquarium bleibt konstant. Nicht nur daher kein angenehmer Ort des Rückzugs von Zeitlauf und Trübsinn. Garnele im Winkel. Inneres klärt sich nicht immer gleich, wenn du durch Glas und bläuliches Wasser schaust. Spring rein. Doch und wieder. Andere Faktoren bestimmen Gefühltes.
Wir erkennen die Realität von Ebbe und Flut und die Gezeiten als Funktionsweise der Realität. Grenzen der narrativen Zeit verwischt wie die der Persönlichkeit.Wie kann Nähe entstehen, wo schon keine Distanz mehr ist? Ein Schritt zurück und zwei Trippelschritte vor, vielleicht. Es muss offen bleiben. Keine Angst, auch nicht vor Schocks. Selbst was auf meinen Kopf fällt – Melone schützt, der Ernst prallt ab. Wohin?
Wir irrfahren durch Wald und Regen und Nacht. Zum volkseigenenen Gelände Zauberwelt Musikvergnügen. Aber was war, ist plötzlich untergegangen. Was bleibt ist feuchte Erde und gemusterte Tapete. Efeu kopfüber, es interessiert niemanden mehr. Wächst er, wenn niemand hinsieht, oder hört er auf zu existieren? Wer hier ist, ist auf der Suche nach was Anderem. Umkehr auf den Wegen, die im Nichts enden, Leerstellen auf der Rückbank: Wir blicken von Außen auf den rechten Weg und treiben weiter. Quallen in Sirup. Es blitzt. Gestalt kehrt zurück, die Welt wieder fest. Der Stift schreibt nicht, er schneidet ins Fleisch und tätowiert monochrom verschwommen in deiner Hand. Nicht wichtig, Digitales übernimmt, während Judy zurücktritt.
Und ohne zu zögern, alle Bekenntnisse (auch die erzwungenen) sind wahr. Und wenn die Sprache lügt, versuchen wir die Schrift. Am schönsten als Aktion, wenn alles einfach ist, nach zwanzig Stunden Tanzen. Und die Sonne aufgeht.
Richard Kirschstein & Neele Illner
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