Party, Reportagen, Stories und Lebensgefühl in Berlin
#26 Editorial by Emin Mahrt
Mit der Ausgabe 26 erreichen wir den Altersdurchschnitt der proud. Viel ist passiert in den letzten Monaten. Jascha, der maßgebliche Motor unserer Ausgabe proud Rio de Janeiro, ist zurück in Berlin. Gemeinsam tüfteln wir an unseren Zukunftsvisionen für die nächsten Monate und Jahre. Viel Kritik, zwei Bachelor-Arbeiten und Redaktionskonferenzen in verschiedensten Konstellationen geben uns frischen [...]
Mit der Ausgabe 26 erreichen wir den Altersdurchschnitt der proud. Viel ist passiert in den letzten Monaten. Jascha, der maßgebliche Motor unserer Ausgabe proud Rio de Janeiro, ist zurück in Berlin. Gemeinsam tüfteln wir an unseren Zukunftsvisionen für die nächsten Monate und Jahre.
Viel Kritik, zwei Bachelor-Arbeiten und Redaktionskonferenzen in verschiedensten Konstellationen geben uns frischen Wind und Ansporn. Die proud bekommt nach langer Zeit gleich zwei neue Chefredakteure: Moritz Stellmacher und Emin Mahrt.
Inzwischen sind wir zu 100% in unserem neuen Büro im tiefsten Neukölln angekommen. Bis auf die Lampen, die seit März in Pappkartons lagern, steht auch unsere Einrichtung. Zeit für eine Einweihungsparty. Mathias Meindl zu Besuch inklusive aller proud Talents ließ uns dann auch gleich unsere Nachbarn kennenlernen. Voll im Berliner Partysommer touren die Talents (Streiflicht, Ente & Wolf, Beatmoertelz, Josia Loos, I love Sunday, Oddvar und Co.) von Party zu Party.
Zusammen mit der Ufer-WG feierten wir als Spaceinvaders am Halleschen Tor und im Freudenzimmer den Abschied von I Love Sunday-Chris, unserem Dauerpraktikanten. Kein Wochenende blieb ungenutzt, wenn wir nicht aus Selbstzweck unterwegs waren, ging es anderen an den Kragen. Gemeinsam mit den Start-ups 6Wunderkinder, BuddyBeers, Unlike Berlin und vielen Anderen, feierten wir die erste “Silicon Allee” Party.
Halb aus Spontanität, halb aus Faulheit uns einen Raum zum Feiern zu suchen, endeten zahlreiche unserer Partys unter Grund. Tiefgaragen , ein verlassener S-Bahn Bogen, die Bärenquell Brauerei (waren Schauplätze. Nicht immer elektronisch gab es auch akustische Einlagen von Black Mistake. Nicht immer lief alles nach Plan. Am Hermannplatz, im 1920 errichteten Ballsaal, dessen Türen lange unbemerkt weit offen standen, wollte trotz einer Expertenrunde von 20 männlichen Stromgenerator-Kennern keiner der beiden Aggregate anspringen.
Glücksmomente gab es kurz darauf zum Open Air mitten auf der Oberbaumbrücke. Stundenlang erweiterte sich die Traube um zwei Aktivboxen und Daniel Penk! Peng!, der die kurz nach 1 Uhr morgens anrückende Polizeistreife mit “Sound of Da Police – KRS One” empfing. Die Lacher auf unserer Seite, (der später freundliche Polizist hatte seine Hand kurzzeitig am Schlagstock) folgten wir der Einladung von Jacob Scheer seinen Schnitzel-Laden (Scheers Schnitzel) zu bespielen – mehr dazu in diesem Magazin.
Der absolute Höhepunkt war jedoch die, dank Euch und unseren Freunden -Muschi Kreuzberg, Radio Skateboards und DEUTSCH Magazin – atemraubende proud Party auf dem Arena Gelände – wer das Video dazu noch nicht gesehen hat, sollte das nachholen.
Als am 12. Juli das Telefon klingelte, legten wir die Arbeit nieder. An der Strippe das Management von Snoop Dogg mit der Frage, ob wir einen Hip-Hop DJ als Pre-Act für Snoop hätten. Keine Frage: Mixmaster, The Eclectic KusKus, Mr. Transatlantic, the one and only Chef der Musikredaktion Lev Nordstrom wurde gerufen – und folgte. Und wir folgten ihm.
Folgen taten wir auch dem Aufruf des Antalya Filmfestivals in der Türkei, das uns einlud unseren 2010/2011 produzierten Film über einen Flaschensammler in Berlin “Para Para (Money Money)” einzureichen. Erst später stellten wir fest, das dafür ein fester Wohnsitz und die Gründung einer Firma von Nöten ist. Noch im gleichen Monat mieteten wir uns mit einem Künstler ein Atelier am Taksim in Istanbul und registrierten proud turkey. Besucher herzlich willkommen.
Während die Bread&Butter an uns vorbeiflog, wir es uns nicht nehmen ließen in die Model-Pools von G-Star zu springen, suchten wir eifrig nach neuen Herausforderungen. Eine war der Hoch-Tief-Bunker am Halleschen Tor dessen Besitzer (spanische Kunstmillionäre) leider nicht zu überzeugen waren ein zweites Berghain zu erschaffen. Eine spontane Party wurde abgeblasen, als sich das Nachbarschaftshaus als Secuitas-Trainingslager herausstellte.
Wir schafften uns einen Hund an. Die gesamte proud Redaktion verausgabte sich beim Umzug der Champagneria, die nach Beschwerden der Nachbarschaft über Lautstärke ausziehen musste. Unser Talents-Manager Bennjamin Gruber trommelte zur Hochzeit mit Birte , der neuen Gruber und Yara feierte einen gelungenes Geburtstags-BBQ auf dem Dach der Neukölln Arcaden.
In diesem Moment befinden sich die proud Talents gemeinsam auf dem Sommer-Spirit Festival, wo sie ihren eigenen Floor bespielen, unser Lieblingsgrafikdesigner und Art Director Vinzent Britz verbringt ein Auslandssemester in London und Dank dropbox.com flattern stündlich neue Designs auf unsere Rechner während Maxim Rosenbauer, der für das proud Party Video verantwortlich ist, im Locho Freibad eine Fotostrecke schießt.
Wir möchten alle ausdrücklich auffordern Kritik und Wünsche zu äußern (030 52136881 / leserbrief@proud.de) und mit uns das Leben zu genießen. Wer kein Bock mehr auf Suchen hat, kann sich ab sofort unter abo.proud.de für ein kostenfreies Abo registrieren.
Viel Spaß mit der Ausgabe
Emin
P.S. Alle Penisse – nicht weil wir es wollten, sondern weil wir es mussten – wurden zensiert.
Listen to… Heidi presents The Jackathon
Artist: Various Artists Title: Compilation: Heidi presents The Jackathon Label: Get Physical House, House and more fucking House. Neben der Aussicht auf freudetrunkene Touristinnen, ist Heidi’s regelmäßige Jackathon Party wohl das schlüssigste Argument mal wieder ins Watergate zu gehen. Der hedonistische Housesound mit Oldschool Referenzen kickt einfach immer noch und erhält in dieser feinen Compilation [...]
Artist: Various Artists
Title: Compilation: Heidi presents The Jackathon
Label: Get Physical
House, House and more fucking House. Neben der Aussicht auf freudetrunkene Touristinnen, ist Heidi’s regelmäßige Jackathon Party wohl das schlüssigste Argument mal wieder ins Watergate zu gehen. Der hedonistische Housesound mit Oldschool Referenzen kickt einfach immer noch und erhält in dieser feinen Compilation eine würdige Huldigung. Fast alle Tracks wurden eigens dafür von Artists wie Soul Clap, Mathias Kaden oder Steve Bug produziert. Der Mix gibt die Essenz von dem was diese Partys ausmacht. Punktgenaue Grooves und der deepe Spirit Chicagos. Die Hände in der Luft und der ganze Körper in Bewegung. Derrick Carters Stimme heizt die siedende Atmosphäre zudem stetig, mit den altbekannten und immer noch wahren House-Weisheiten an. This is our house.
Liebe Leserschaft, mich treibt die Frage um, ab wann man eigentlich ein Deutscher ist? Per Gesetz: sobald man einen deutschen Pass besitzt. Das kommt aber für einen per se Staatenlosen wie mich gar nicht erst in Frage. Ich komme aus dem Weltall und irdische Reisepässe werden dort im besten Fall verspottet. Es reicht doch, dass [...]
mich treibt die Frage um, ab wann man eigentlich ein Deutscher ist? Per Gesetz: sobald man einen deutschen Pass besitzt. Das kommt aber für einen per se Staatenlosen wie mich gar nicht erst in Frage. Ich komme aus dem Weltall und irdische Reisepässe werden dort im besten Fall verspottet. Es reicht doch, dass man mir die Rasse am Pelz ablesen kann. Welchen Menschen interessiert es, aus welcher Region meines Heimatplaneten ich stamme. Ihr könnt die Unterschiede der Brust- und Schulterbehaarung ohnehin nicht erkennen.
Die Frage nach der Identität wird mit einem Pass ohnehin nicht beantwortet. Der von Euch dezent betonte Migrationshintergrund relativiert ohnehin jede Staatsangehörigkeit. Willkommen in Deutschland. Deutsch im Herzen ist man also nicht, sobald man hier wohnt, hier zum Bürgeramt geht und hier wählen darf. Das heißt nicht, dass man dadurch zwangsläufig deutsch ist. Nein, erst wenn man es so macht wie die Deutschen, ist man das auch. Wie macht man es aber wie ein Deutscher? Es gibt dafür leider keine brauchbare Anleitung.
Wo ist die Leitkultur hin?
Der Köbes, der seinen Oachkatzlschwoaf am Backfisch reibt dafür uffjehangen wird, weil es laut Sex-Statistik nach 3,1 Tagen wieder mal für 17 Minuten heiß hergehen sollte, ist – sprachlich gesehen – eher eine Reise durch das gesamte Bundesgebiet als eine altersübergreifende Liebesgeschichte. Aber wer kennt sich schon in allen Dialekten der vier Himmelsrichtungen aus? Die Suche geht also weiter. Der Heilige Gral dieser Nachforschung wird mit Wasser gefüllt sein. Deutschland ist immerhin das Land der Wässer: Die Anzahl der Tafel-, Mineral- und Heilwässer sowie Quell- und Sodawässer lässt jeden Touristen erstaunen. Unendliche Definitionen hält die Mineral- und Tafelwasserverordnung dafür bereit. Das ist also deutsch. Ein Wasser müsste ich sein, kein Haarmonster. Dann hätte ich auch sofort eine deutsche Partnerin: die hässliche Einwegpfandflasche aus dünnem Plastik, gegebenenfalls Plaste.
Warum in die Nähe schweifen? Sieh das Deutsche ist so fern.
Deutsche machen Urlaub auf Mallorca. Das ist klar. Auf der Wurststraße Wurst sein. Als Zeichen meiner Verbundenheit zu dem deutschen Volk trage ich also Espandrilles, die Schuhe der Mallorquiner. Ich trage sie dieses Jahr zum ersten Mal, denn ich folge den Trends üblicherweise erst, wenn sie nach dem zweiten Aufwärmen am Abklingen sind. Als Alien halte ich mich grundsätzlich nicht an die aktuellen Moden der Erde. Da könnte ja jeder kommen! Espandrilles waren das erste Mal in den 80ern voll trendy, seit einigen Jahren sind sie dafür hip. Wer was auf sich hält, der trägt Espandrilles.
Aber welche sind die echt-deutschen Espandrilles?
Sind sie ein- oder mehrfarbig, mit angeklebter Vollgummisohle, nur ein bisschen Gummi oder ohne Klebesohle, sodass man direkt auf der Faser läuft, die wahlweise hand- oder maschinengefertigt ist? Soll man sich für 15 bis 25 Euro Espandrilles kaufen oder für 300 Euro von Edelmarken, die damit ein Zeichen des Downgradings statuieren? Darf es vielleicht das Wegwerfprodukt für 5 Euro sein, wie es sie bei Nanu Nana, dem deutschen Nippesschuppen Nummer 1 gibt? Dessen Besitzer hat übrigens aus auf der Ferieninsel Nummer 2, Sylt, den Namen Nanu Nana erfunden, als er dort als Hobbyfotograf die damals Reichen und Schönen ablichtete. Soviel zur Leitkultur. Nur meine Frage beantwortet sie nicht.
Vielleicht ist es die althergebrachte, deutsche Ignoranz, die als Reaktion auf Neues und Unbekanntes reflexartig hervortritt. Reflexe sind immerhin Reaktion, die das Gehirn quasi überspringen. Dunkle Haut und Haare – muss türkisch sein. Fernseher kaputt – muss an den Chinesen liegen. Mauerbau – waren die anderen. Migrationsprobleme – sind die anderen. Behaart Monster – ist ein Penner. Danke.
Mit dieser Ignoranz wird es sich aber nicht weit gehen lassen. Denn dem deutschen Michel werden sich seine „Espandrijo-Latschen“ vom Fuß lösen, sobald ein Platzregen das Gemüt reinigen will. Das ist der Sommer 2011. Espandrilles sind höchst wasserempfindlich. Werden bei eindringlichem Kontakt hart, lösen sich auf und fangen an zu riechen.
Schick, einfach, unbeständig. Das ist mein Ergebnis zur Leitkultur, wo man diese auch immer finden mag. Willkommen in Deutschlands Spätsommer 2011.
Euer Schubacca
Foto Nina Sage, Miron Tenenberg
Offset with Axel Bartsch
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Also machte ich mich auf in‘s Rechenzentrum, wo am Wochenende vom 12.-14. Juni als Einstimmung auf die Festival Saison „Reisen macht den Kopf frei“ stattfand. Axel Bartsch hatte bereits angefangen, als ich am Samstag gegen 17 Uhr dort eintraf. Mit der Tram 21 raus zu [...]
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Also machte ich mich auf in‘s Rechenzentrum, wo am Wochenende vom 12.-14. Juni als Einstimmung auf die Festival Saison „Reisen macht den Kopf frei“ stattfand. Axel Bartsch hatte bereits angefangen, als ich am Samstag gegen 17 Uhr dort eintraf. Mit der Tram 21 raus zu gondeln ist auch echt eine Weltreise, allerdings wurde ich für meine Mühen mit herrlicher Sonne, angenehmer Atmosphäre und einem tollen Interview mit Axel entlohnt.
Axel, die erste Frage liegt auf der Hand, als ich kam, war niemand auf der Tanzfläche, alle hingen in den Liegestühlen und am Wasser rum. Du hast den Dancefloor innerhalb deiner 2 Stunden gut gefüllt, denn jetzt sitzt fast niemand mehr, wie macht man das?
Ja stimmt wohl, aber ganz genau erklären kann ich das auch nicht. Ich hab mich heute nicht am Publikum, sondern vor allem an meinem eigenen Geschmack orientiert, einfach aufgelegt worauf ich Bock hatte. Und es scheint, als hätte ich eine Schnittmenge mit dem Publikum gefunden.
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„Reisen macht den Kopf frei“ würdest du als DJ, der ja viel unterwegs ist, sagen, dass ist richtig? Oder nervt es manchmal auch zum Flughafen zu fahren?
Gute Frage! Obwohl das im Zusammenhang mit der Party ja wohl eher als so ne Auszeit vom Alltag zu sehen ist. Es soll auf einen Trip gehen. Also wenn ich reise ist es meist schön, man hat auch schon zwischendurch mal Zeit sich umzuschauen. Auch gerade das im Flieger sitzen hat was meditatives, da kann man sich gut neu ordnen weil man auch viel allein ist. Fast ein bisschen wie Joggen.
Welcher Track aus deinem Set ist dir am besten im Gedächtnis geblieben?
Das sind natürlich mehrere, aber das Publikum ging am meisten bei einem Remix von mir ab, den ich für Towie gemacht habe, einem noch nicht so bekannten Künstler auf no dough records, einem Digitallabel. Ich spiele sonst eigentlich selten Eigenproduktionen, da ich, wenn ich einen Track fertig habe und er endlich rauskommt, ihn selbst schon fast nicht mehr hören kann. Das geht wohl fast jedem so.
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Letztes Jahr ist ja dein Album Kiss erschienen, auf was können wir uns dieses Jahr noch freuen?
Ich sammle gerade viele neue Ideen. Aber die Zeit vergeht so schnell in Berlin. Ich hab kürzlich ein Projekt mit Jake the Rapper gemacht, er Vocals und ich die Musik, bei dem wir gerade schauen, wo wir es rausbringen. Außerdem wird‘s noch ein paar Remixe von mir geben und ich bin dabei mein Label Sportclub wieder neu aufzustellen. Früher war es einfach eine Plattform für mich und Asem, schnell und ohne Umwege Sachen rauszubringen, die wir gut fanden. Jetzt hab ich noch ein paar Leute mehr ins Boot geholt, die für frischen Wind sorgen werden. Ab September ist da mit Neuigkeiten zu rechnen.
Spielst du denn im Sommer lieber im Club oder Open Air wie heute?
Das ist ganz unterschiedlich. Grundsätzlich ist halt der Club das worum es geht, aber gerade hier in Berlin die Open Airs, besonders auch die illegalen Geschichten, wo dann plötzlich 2000 Leute im Park tanzen, das ist einfach ein Kracher und da hab ich schon auch immer Bock drauf. Also es hat beides seinen Reiz.
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Was macht denn Berlin für dich zu etwas Besonderem?
Da gibt es sehr vieles. Ich spiele ja Mittlerweile sehr viel in Berlin und wenn man dann so außerhalb unterwegs ist kommt es schon mal vor, dass die Party nicht so gut ist oder die Atmosphäre ein bisschen lau. In Berlin passiert mir das sehr sehr selten. Also trotz riesengroßer Clublandschaft gibt ‚s kaum schlechte Partys, jedenfalls spiel ich da nicht.
Bleibst du nach dem Auflegen meist länger da?
Ja absolut, dieses Kommen und Gehen finde ich doof.
Gibt‘s denn noch ein Land wo du noch nicht warst und wo du schon immer hinwolltest?
Ja auf jeden Fall, ich war noch nie in Australien. Oder dann eben auch gern so Länder wie China wo sich die Technoszene noch nicht so richtig etabliert hat, so etwas hat einfach immer nen besonderen Vibe!
Auf nach Mitte. Ich bin früh dran. Das bin ich von mir nicht gewohnt und stehe, etwas peinlich berührt, vor der Haustür von Thomas Koch alias DJ T., den ich in fünf Minuten eine halbe Stunde lang interviewen darf. Ich klingel. Ich betrete seine Wohnung. Ich drücke ihm zwei Ausgaben des proud Magazins in die [...]
Auf nach Mitte. Ich bin früh dran. Das bin ich von mir nicht gewohnt und stehe, etwas peinlich berührt, vor der Haustür von Thomas Koch alias DJ T., den ich in fünf Minuten eine halbe Stunde lang interviewen darf. Ich klingel. Ich betrete seine Wohnung. Ich drücke ihm zwei Ausgaben des proud Magazins in die Hand. DJ T. ist ein Mann vom Fach. Er beäugt unser Magazin. Er schlägt es in der Mitte auf. Er schnuppert dran. „Riecht etwas streng“, meint er. Ich nicke. Ich bitte um ein Glas Wasser. Ich beginne das Interview, ein Interview, das im Endeffekt länger geworden ist als erwartet, viel länger, aber eben auch relevant. Let get metaphysical!
Wie bist du auf die Groove Idee gekommen?
Die erste Ausgabe erschien im Dezember 1989. Ich war damals 19 und DJ. Außerdem war ich ein sehr interessierter Konsument von allem was damals noch unter dem Gesamtüberbegriff „dance“ zusammengefasst wurde. Es gab ein Magazin das Network Press hieß. Aus deren Magazin-Charts sind damals die DDC (Deutsche Dance-Charts) und die DCC (Deutsche Club-Charts) entstanden, die inzwischen eine Art Institution sind. Das war so mein Magazin und da habe ich mir meine Infos herausgeholt. Es war aber auch eher auf Black Music spezialisiert und hatte einen großen Schwerpunkt auf Soul, Funk und Hip Hop gehabt. In jedem Magazin gab es drei DJ-Charts und die waren unheimlich wichtig, um sich zu orientieren. Sobald man die sah, hat man sich die Tracks – sofern man sie im Laden finden konnte – automatisch angehört. Mir hat das schon damals gezeigt, wie wichtig es sein würde sich an den Charts zu orientieren und damit auch viel mehr zu arbeiten. Der Grundgedanke war, aus dem Groove Magazin ein Chart- Magazin zu machen. Die ersten 16 Seiten hatten dann auch um die zwölf Seiten Charts – nur DJ-Charts von allen wichtigen DJs aus dem Rhein-Main- Gebiet und auch Plattenläden-Charts. Auf der Basis hat sich das Magazin dann entwickelt. Eigentlich habe ich mit dem Magazin meine eigenen Bedürfnisse befriedigt. Ich habe genau das reingeschrieben, was für mich wichtig war und was ich auch gerne lesen wollte, und habe damit zufälliger Weise einen Nerv getroffen.
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Und was ist dann passiert?
Ich habe die Groove 2004 verkauft. Ab Mitte 2004 wurden die Geschäfte schon vom Piranha Mediaverlag geregelt. Ich bin dann noch ein halbes Jahr pro forma Herausgeber geblieben, was ich mir gewünscht hatte, damit ich sozusagen die 15 Jahre voll mache.
Wie kam es dann zu deiner Labelpartnerschaft bei Get Physical? Das war ja noch vor der letztendlichen Abgabe der Groove? Waren Label und Magazin zusammen einfach zu viel des Guten?
Das Witzige ist, dass mir schon ohne Label in der Zeit alles viel zu viel war. Aus positivem Stress wurde dann auch negativer Stress. Ab 2001 gab es schon mal einen Wirtschaftsknick, der sich vor allem auf die Geschäftsbereiche ausgewirkt hat, die von Werbung gelebt haben. Die goldenen Zeiten gingen exakt bis zum ersten Halbjahr 2001, was das Magazin machen betraf. Ich habe noch die Zeiten in den Neunzigern miterlebt, wo Plattenfirmen in jeder Ausgabe ganzseitige Anzeigen für mehrere Tausen D-Mark schalten konnten, wo die Leute eigentlich das Gegenteil von heute gemacht haben und für Werbung fast das Geld zum Fenster hinausgeschmissen haben. Dann kam eben dieser erste krasse Knick und dann habe ich erlebt, was ich gar nicht für möglich gehalten hätte nämlich, dass man selbst als Nischen-, bzw. als Special Interest Magazin genauso betroffen ist, wie alle anderen auch. Das habe ich dann auch – erst mit einer Verzögerung von einem halben Jahr – schmerzhaft eingesehen. Ich habe mich damals einfach total übernommen. Ich bin jemand, der jede gute Idee irgendwie umsetzen muss und auf zu vielen Feldern gleichzeitig aktiv war. Ich wollte den fallenden Anzeigenumsätzen entgegenwirken und habe deshalb angefangen andere Geschäftsfelder anzukurbeln. Ich habe viele Veranstaltungen gemacht, auch kurzzeitig mit anderen Leuten einen Club gemacht und die Einnahmen dann wieder ins Magazin gesteckt, um da die Löcher zu stopfen. Eine Zeit lang ging das einigermaßen gut, war aber auch wahnsinnig stressig. Irgendwann musste ich dann einfach Projekte abbauen, um nicht schon rein psychisch vor die Hunde zu gehen. Da habe ich dann die M.A.N.D.Y.s getroffen, die mir von ihrem Plan erzählten ein Label zu gründen und mich um Rat baten, ob ich nicht noch jemanden wüsste, der als Sechster diese Konstellation um einige bestimmte Komponenten ergänzen könnte – also die zwei Booka Shades plus Partner, die zwei M.A.N.D.Y.s und eben eine weitere Person. In dem Moment habe ich gewusst: „Ein Label? Das wollteste doch schon vor 15 Jahren machen.“
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Mit Get Physical läuft es scheinbar weiterhin gut. Vor einigen Monaten hattet ihr euren 100. Release und jetzt erscheint nach langer Pause dein zweites Album „The Inner Jukebox“. Welches Signing oder welcher Künstler auf Get Physical hat dich in der letzten Zeit am meisten begeistert?
Das letzte Signing für Get Physical waren die Catz and Dogz. Das sind zwei Polen und momentan dort die zwei erfolgreichsten Produzenten. Die sind mit dem Catz and Dogz-Projekt schon auf einem Label von Claude VonStroke (Mothership). Das sind zwei Jungs, da merkt man mit jedem Release eine Qualitätssteigerung. Ich denke, die werden noch ein Weilchen präsent sein. Die beiden sind noch sehr jung und bringen demnächst bei uns eine Maxi heraus. Eine weitere Veröffentlichung, die gerade auf Get Physical herausgekommen ist, ist das aktuelle Album von Damien Lazarus „Smoke The Monster Out“. Der hat mit Crosstown Rebels auch sein eigenes Label. Der hat auch ein schwierige Zeit hinter sich, weil in England ein Vertrieb Pleite gemacht hat. Jedes Mal, wenn ein Vertrieb Pleite macht, sterben auch diverse Labels, weil irgendwelche Riesenbeträge offen stehen und das hätte ihn auch fast erwischt. Er ist natürlich nicht nur ein DJ der produziert, sondern er schlägt auch Brücken zu Pop, Advanced oder Crossover-Geschichten, was ich 26 chat selbst zum Beispiel gar nicht will. Ich bin wirklich ein ganz klassischer DJ-Produzent und möchte, auch wenn ich ein Album mache, Musik machen die auf dem Dancefloor auf jeden Fall funktioniert, die ich auch selber spielen kann. Das ist mir ganz wichtig.
Ist dir das auf deinem neuen Album „The Inner Jukebox“ gelungen?
Das Album ist keine reine Aneinanderreihung von Clubtracks geworden. Es war mir wichtig mit drei, vier Stücken die ein bisschen anders sind eine Geschichte zu erzählen, einen Flow zu haben in diesem Album der es dann auch ermöglicht das Album zu Hause zu hören.
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Auf der Promo CD haben zwei Tracks gefehlt. War das so gewollt?
Wir haben es einfach nicht geschafft die Deadline einzuhalten. Wenn ich gewusst hätte was passiert, dann hätte ich es anders gemacht. Wenige Tage nachdem wir die Promo CD an den ersten, relativ kleinen Businesskreis verschickt hatten – an den es auch rausgehen musste, weil über K7 eine weltweite Vertriebskoordination stattfindet, wo dann die Vertriebspartner diese CD zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt einfach kriegen müssen, weil sonst dieser ganze Plan zur Koordination der von K7 vorgegeben ist, nicht funktioniert – standen die Tracks schon auf 60-70 verschiedenen Download- Seiten zur Verfügung. Das passiert uns mittlerweile mit jedem Release, nur war es bei meinem Album sichtbar schneller und massiver. Warum das gerade bei dem Album so war, wissen wir nicht. Wir waren geschockt, wie schnell es dieses Mal ging und weil es irgendwie aus diesem Kreis dann kommen musste, an den es halt als Erstes rausgegangen ist. Irgendwo war halt ein Leck, wo jemand das weitergegeben hat.
Wie fühlt man sich dann? Was bedeutet dir das?
Mittlerweile muss ich sagen, man tut besser daran zu versuchen das zu vergessen und zu akzeptieren, weil es nie wieder anders sein wird. Trotzdem sollte man Strategien entwickeln, wie man das bekämpft oder zumindest eindämmt. Allerspätestens wenn man das Album dann verkauft, kann man sich inzwischen sicher sein, dass in der Stunde, wo das zum Beispiel auf Beatport gestellt wurde, jemand in der Ukraine oder in Russland, oder wo auch immer, das Album legal herunterläd und dann hochstellt. Und dann kann man davon ausgehen, dass sechs Stunden später das Album schon auf 30 weiteren Blogs erhältlich ist. Das kann man nicht mehr verhindern. Was unser Office zum Beispiel macht ist – und das habe ich auch schon von anderen Labels gehört – dass wir eigene HiWis beschäftigen, die nichts anderes machen, als diese Plattformen, Blogs und File-Hosts anzugehen. Aber das ist ein Kampf gegen Windmühlen, weil für zehn Gelöschte täglich zehn Neue erscheinen.
Focused Artist Esra Rotthoff
Kannst du dich kurz vorstellen, in ein paar Sätzen. Ich bin Esra Rotthoff, bin in Berlin geboren und arbeite als Gestalterin und erstelle visuelle Konzepte. Egal, ob es Grafik, Fotografie, Illustration oder bewegte Bilder sind. Die Hauptsache ist, dass ich meine Idee, die ich im Kopf habe mit dem am besten geeigneten Medium umsetzen [...]
Kannst du dich kurz vorstellen, in ein paar Sätzen.
Ich bin Esra Rotthoff, bin in Berlin geboren und arbeite als Gestalterin und erstelle visuelle Konzepte. Egal, ob es Grafik, Fotografie, Illustration oder bewegte Bilder sind. Die Hauptsache ist, dass ich meine Idee, die ich im Kopf habe mit dem am besten geeigneten Medium umsetzen kann. Ich lebe in Kreuzberg, arbeite dort, bin total happy und werde Berlin so schnell nicht verlassen.
Wie bist du zur Kunst gekommen?
Ich habe mein Leben lang gezeichnet und gemalt. Acryl und Öl, was man so alles macht, wenn man 17 ist und nach der Schule nichts Besseres zu tun hat. Zur Abizeit habe ich viel Output gehabt. Ich habe in zwei Monaten 40 Bilder gemalt und dann gesagt : “Ok jetzt hab ich kein Bock mehr, jetzt mach ich Fotografie”. Dann hab ich angefangen an der UdK Visuelle Kommunikation zu studieren, was sehr gut war, weil man viele Medien vorgestellt bekommt. Auch, weil man mit vielen verschiedenen Leuten aus verschiedenen Altersstufen und Bereichen zusammenarbeiten kann. Für mich war es eigentlich immer klar, dass ich nichts Anderes werde, als in irgendeiner Form Kunstschaffende.
Nach der UdK, wie ging es da weiter, hast du dich gleich selbstständig gemacht?
Ich arbeite jetzt seit 11 Jahren als Gestalterin. Ich habe im ersten Semester angefangen zu arbeiten und sofort Jobs gemacht. Ich wollte in meinem Bereich Fuß fassen. Ich habe die Möglichkeit bekommen kontinuierlich zu arbeiten. Ich konnte so sehr viele Erfahrungen sammeln und habe während des Studiums mit zwei Kommilitonen das Magazin Berlin Haushoch entwickelt.
Kannst du uns nochmal das Konzept von Berlin Haushoch erklären.
Das Magazin porträtiert pro Ausgabe immer einen Berliner Stadtteil. Dafür ziehen wir dann mit unserem Designbüro von Stadtteil zu Stadtteil. Die erste Ausgabe war Marzahn. Wir wollten uns nur Ausstellungsflächen in Marzahn anschauen und boom, plötzlich hatten wir einen Magazinschatz und viele Preise gewonnen. Das Konzept stand, also haben wir weiter gemacht und porträtierten drei Bezirke. Nach der Marzahn-Ausgabe sind wir mit unserem Redaktionssitz nach Wedding gezogen, dann nach Charlottenburg und jetzt machen wir Mitte.
Die Charlottenburg-Ausgabe ist super gelaufen und ich wollte noch ein freies, nicht kommerzielles Projekt machen, deswegen entschied ich mich für den Meisterschüler. Wenn du an der UdK ein 1,0 Diplom machst, wird dir der Meisterschüler angeboten, das ist praktisch ein Ph.D. in der Kunst. Seitdem ich den Meisterschüler gemacht habe, habe ich abwechselnd sehr kommerziell und sehr künstlerisch gearbeitet. Ich hab Art-Direktion für große Kunden gemacht, wo ich ich Nächte durchgemacht hab und sehr wenig geschlafen habe. Jetzt mache ich unter anderem auch die künstlerische Leitung einer Grundschule im Tiergarten. Das läuft über zwei Jahre. Ich habe den Namen mit ausgesucht, ich habe bestimmt, wie die Wände angemalt werden. Ich kann mich da kreativ total entfalten. Mit den Kindern zusammenarbeiten ist ein Herzensprojekt, wo ich mir denke: “Geil man, sowas wolltest du schon immer mal machen in Berlin und du gestaltest einfach mal eine Schule.”
Wie bist du zu der Kooperation mit dem Ballhaus gekommen?
Dazu muss ich sagen, meine Mama kommt aus der Türkei und mein Papa ist Deutscher. Ich bin dann durch Zufall an das Theater geraten. Ich bin da rein, völlig verkatert, an einem Samstag. Eine Freundin von mir hat mich mitgeschleppt, ich dachte das geht jetzt gar nicht, habe mich hingesetzt – pling! – bin ich wach geworden und habe mir gedacht: “Nee das gibt ́s nicht, was ist das hier für ́n Ort?”. Ich bin rausgekommen und habe zehn Tickets, für zwei Tage später geholt. Ich habe meine ganze Familie und Freunde mitgenommen. Dann war ich sehr oft da und habe Stücke angeguckt und nach dem dritten Stück habe ich dann Shermin (Anm. d. Red.: Shermin Langhoff ist die Künstlerische Leiterin des Festivals) kennengelernt. Sie meinte: “Ähhh wer bist du, was machst du?” und man kennt sich ja schon irgendwie in Berlin. Sie wusste auch schon was ich mache und meinte dann gleich zu mir: “Ey hast Du nicht Lust hier die Art-Direktion zu machen?”. Ich meinte: ”Klar! Warum nicht? Quatschen wir mal!” Das war vor vier oder fünf Monaten und jetzt ist das Ding gedruckt.
Was war die Idee hinter den Bildern für das Festival?
Das Hauptmotiv ist das Bild mit dem Lamm. Da hab ich viel überlegt. Ich war auf der Suche nach einem Symbol, das in unterschiedlichen Kulturen verschiedene Konnotationen hat. Einerseits steht es als Symbol des göttlichen Lamms in der europäischen Kunstgeschichte. In der Türkei werden Lämmer zum Opferfest geschlachtet und es ist normal, dass jeder mal gesehen hat, wie ein Lamm geschlachtet wird. Mit dem toten Lamm greife ich das Lamm als Symbol für die Malerei auf. Es ging mir erstmal ums Hauptmotiv. Ich suche mir immer erstmal ein Hauptmotiv und gehe dann davon aus den Rest zu kreieren.
Es ist sowieso meine Stilistik, weil ich aus der Malerei komme, die Sachen vorher zu zeichnen. Meine Bilder und Fotografien sind malerisch. Im Islam ist es so, dass man keine Abbilder vom Menschen schaffen darf, aus Respekt vor Gott. Deshalb arbeiten sie auch viel mit Mosaiken und haben eine ganz andere Kunstgeschichte. Wenn man sich die Kunstszene in Istanbul anguckt – ich war oft in Istanbul in den letzten Monaten – habe ich das Gefühl sie ist einige Jahre zurück. Für die Strecke im Ballhaus erschuf ich Bilder mit der Bildsprache der westlichen Kunst-geschichte und mit türkischen Elementen. Das Bild vom Lamm und Sesede ist kontrovers für beide Seiten. Gleichzeitig erlebe ich, dass das Bild schön gefunden wird, weil es ästhetisch ist, weil man das Gefühl hat man kennt das Bild, es hat etwas Ikonographisches. Genau dort ist dieser Bruch und deshalb kommt eine Kommunikation zwischen den Betrachtern zustande. Es ist es eine konzeptionelle Arbeit. Auf der Kernidee basieren alle Fotos. Gestern war meine Vernissage, die Bilder sind alle ausbelichtet und gerahmt im Theater, die Druckerzeugnisse sind geliefert und das Festival hat endlich angefangen und ich kann mich jetzt zurücklehnen und wie am Anfang als Zuschauer die Inszenierungen genießen.
Vom 31.8 bis zum 31.10 kann man sich die Bilder im Ballhaus in der Naunystraße 27 ansehen.
Almancı! 50 JAHRE SCHEINEHE feiert und reflektiert das Ballhaus Naunynstraße zum Auftakt der Spielzeit 2011/2012 – das 50-jährige Jubiläum des Anwerbeabkommens mit der Türkei. Eröffnet wird das Festival am 31. August mit Lukas Langhoffs Inszenierung “Pauschalreise – Die 1. Generation”. Esra Rotthoff hat für das 50-jährige Jubiläum fast alle Motive geschossen. Auch das Coverbild (Motiv der Inszenierung “Pauschalreise – Die 1. Geneartion”) ist von ihr. Außerdem wird es mit “GEGEN DIE LEINWÄNDE” ein Panorama aus fünfzig Filmen deutsch-türkischen Filmschaffens geben.
Programm (Auswahl):
Pauschalreise – DIE 1. GENERATION
Ein fiktiver Text für reale Menschen von Hakan Savas Mican Premiere 31.8.2011, 20 Uhr
Weitere Vorstellungen 1.9.2011 und 7.–10.9.2011, 20 Uhr
Literarische Erinnerungen und Fortschreibungen, Lesung mit anschließender Lounge
16.9.2011, 22 Uhr
KAHVEHANE RELOADED Turkish Delight – German Fright*
Ein Theaterparcours mit Mini-Inszenierungen in anatolischen Kaffeehäu-sern in und um die Naunynstraße 21.–23.9.2011, 15.30–20.30 Uhr 24. und 25.9.2011, 11.30–16.30 Uhr
Start alle 30 Minuten am Ballhaus
Did you mean: ost nutten
Ich als Wessi habe eine Eins A Nutella Sozialisation hinter mir. Neulich fragte ich mich: was bekamen eigentlich Zonenkinder so auf‘s Frühstücksbrot? Also nix wie ran an den PC und da null Ahnung einfach mal die Meinungsmacht Google gefragt. Als ich das Ergebnis auf dem Schirm hatte, war ich jedoch nicht schlauer sondern nur amüsierter. [...]
Ich als Wessi habe eine Eins A Nutella Sozialisation hinter mir. Neulich fragte ich mich: was bekamen eigentlich Zonenkinder so auf‘s Frühstücksbrot? Also nix wie ran an den PC und da null Ahnung einfach mal die Meinungsmacht Google gefragt. Als ich das Ergebnis auf dem Schirm hatte, war ich jedoch nicht schlauer sondern nur amüsierter. Für das von mir eingetippte „Ost Nutella“ schlug mir Google doch tatsächlich als Alternativsuche vor: „Meinten sie Ost Nutten?“. So wurde mir innerhalb von Sekundenbruchteilen vor Augen geführt , dass sich der Googlesuchalgorhythmus eben auch nur am Most Wanted orientiert und der Großteil der Welt eben nicht eine Alternative zu Nutella sucht sondern die zur Ehefrau! Schade, dachte ich und nach meiner Meldung dieses Fehlers wurde der Bug behoben. So kann man den von Hegel beschriebenen Weltgeist manipulieren.
Benjamin Gruber
hobnox – sei dein eigener Produzent
Klar, nicht jeder ist Produzent für elektronische Musik. Wer sich aber trotzdem wie einer fühlen will, kann seinen eigenen Elektrosound produzieren und dabei nach allen Regeln der Kunst an allen Reglern drehend vor‘m Computer mit Kopf und Hand mitwippen. Denn jetzt gibt es das Hobnox Audiotool! Direkt in eurem Browser könnt ihr Drum Computer wie [...]
Klar, nicht jeder ist Produzent für elektronische Musik. Wer sich aber trotzdem wie einer fühlen will, kann seinen eigenen Elektrosound produzieren und dabei nach allen Regeln der Kunst an allen Reglern drehend vor‘m Computer mit Kopf und Hand mitwippen. Denn jetzt gibt es das Hobnox Audiotool! Direkt in eurem Browser könnt ihr Drum Computer wie die legendäre TR-808, verschiedene Synthesizer, Mixer und jede Menge Effektgeräte einfach per Drag and Drop mit virtuellen Kabeln verbinden, in Reihe schalten, an Reglern drehen, den Bass rausnehmen und wieder reinhauen und euch überraschen lassen, wie es am Ende klingt. Kostenlos und ohne Anmeldung.
Andere werden langsam wahnsinnig, ich schnell. Das letzte Gespräch ließ viele Fragen offen, doch eines steht fest: Wir werden uns nicht mehr sehen. Mein Handy, ein Relikt, das auf der Funkausstellung zusammen mit dem Farbfernsehen vorgestellt wurde, hat mir zuliebe schon eine Selbstschutzfunktion entwickelt. Verpasste Anrufe werden gar nicht erst angezeigt. Das blaue Netzwerkmonster lässt [...]
Andere werden langsam wahnsinnig, ich schnell. Das letzte Gespräch ließ viele Fragen offen, doch eines steht fest: Wir werden uns nicht mehr sehen. Mein Handy, ein Relikt, das auf der Funkausstellung zusammen mit dem Farbfernsehen vorgestellt wurde, hat mir zuliebe schon eine Selbstschutzfunktion entwickelt. Verpasste Anrufe werden gar nicht erst angezeigt. Das blaue Netzwerkmonster lässt mich aber nicht allein mit meiner Herzscheiße und zeigt mir ständig ihre neuen „Freunde“. Auf den Profilbildern wirken die so, als würden sie vor der Arbeit in der Werbeagentur noch mal eben schnell irgendwo Windsurfen gehen. Die letzten Sachen habe ich, unter den peinlich berührten Blicken der Mitbewohner, in einem Wäschekorb vor ihrer Zimmertür abgestellt. Sowas nennt man dann wohl den „letzten Akt“. Wäre ich ein Fernsehsender, würde bei mir permanent eine Spendenkontonummer durch das Bild laufen.
Alle sagen, dass es vorbei geht und dass überhaupt alles nicht so schlimm sei. Jaja. Ich sage: Vielleicht sollte ich mal wieder in eine Kneipe gehen! Sofort. Heute Abend. Kein selbst ernannter Szeneladen mit unverputzten Wänden, Koks auf den Toilettenablagen und Mojito für 8,50, sondern eine ehrliche, leicht zweifelhafte Trinkstätte.
Der vorprogrammierte Absturz meiner Wahl heißt „Bierhaus Urban“, befindet sich keine Kippenlänge von meiner Wohnung entfernt und hat seit 25 Jahren geöffnet. Durchgängig. Das muss man sich mal vorstellen! Alles, was in der letzten Dekade passiert ist, wurde hier zwischen zwei Pils und drei Kurzen irgendwie so durchgewunken. Maueröffnung, 9.11., Fußballweltmeisterschaften. Wer hier herkommt, dem ist Vieles ziemlich egal. Diese zur Schau getragene Unaufgeregtheit und die Aussicht auf eine hemmungslose Jukebox-Session lassen mich auf einen guten Abend hoffen. Joe Cocker, Grönemeyer und Rick Astley – gerne auch in dieser Reihenfolge. Das Bier ist dasselbe wie woanders auch.
Als Alleintrinkender ist die Platzwahl an der Theke elementar wichtig, denn sie entscheidet über die nächsten Stunden. Ich nehme auf einem modrigen Barhocker neben einem Mann Platz, der so aussieht als würde er Bernd heißen und die Nase voll hat von allem. Bernd trinkt Cognac, raucht Pall Mall ohne Filter und trägt eine speckige Taxifahrer-Lederjacke. Sein Bauch wallt sich wie ein unaufgepumpter Medizinball über den Hüftansatz seiner Bundfaltenhose. Bernd sieht so aus, wie ich mich fühle.
Am Tresenende erkenne ich durch die Rauchschwaden noch eine weitere Schicksalsgemeinschaft. Zwei Männer, Typ Umzugshelfer oder frisch aus dem Knast entlassen, und eine rotwangige, matronenhafte Blondine mittleren Alters, deren dunkles Geheimnis ich nicht wissen möchte. Am Ende landen alle hier denke ich und bestelle ein Hefeweizen. Eigentlich finde ich Hefeweizen schrecklich, schon alleine wegen des Glases. Dieser sperrige Alkohol-Pokal sieht bescheuert aus und kann nur in bayrischen Biergärten ungestraft getrunken werden. Aber irgendwas muss sich ja ändern in meinem Leben! Gerne würde ich mich jetzt betrinken, aber Lust dazu habe ich nicht, nur dumpfe, karge Scheißgefühle, ganz langsam breiten die sich aus, gemischt mit Angst vor dem unangeleinten Hund, der vor dem Eingang zu den Toiletten sitzt, dem Finanzamt, meiner Telefonrechnung, dem heillosen Wäschechaos in meiner Wohnung, der ganzen Welt eigentlich. Fatalistisches Betrinken geht wohl anders.
Nach einer gefühlten Ewigkeit des wortlosen in-mich-hinein-Denkens stehe ich auf und gehe zur Jukebox. Für mein Empfinden läuft hier gerade ein mehrstündiges Queenstück gesungen von Claus Kleber und zumindest das kann ich ändern. Ich versuche mein Glück im Ordner der „200 besten Rocksongs aller Zeiten“. Musikalisch eine Gräueltat und aus ästhetischen Gesichtspunkten in einem Regal mit Bademänteln von Tchibo. Egal, „Summer of 69“ geht immer. Damit wurden zu meiner aktiven Fußballzeit immerhin ganze Weihnachtsfeiern bestritten und mit Besenstielen bewaffnet Luftgitarre auf der Theke gespielt.
Bei den ersten Zeilen des Gassenhauers erkenne ich, wie Bernd den Text schwankend in sich hinein murmelt und die Bardame anerkennend nickt. Peaktime im Bierhaus Urban. In der Panoramabar wäre jetzt der Moment gekommen, wo sich die Jalousien öffnen und sich vorher unbekannte Menschen in den Armen liegen. Zeit zu gehen. Ich bezahle lächelnd, und noch bevor der kanadische Weichspüler zum finalen Solo ansetzt, bin ich verschwunden. Ich fühle mich ein bisschen besser als scheiße und verbuche den heutigen Abend als Gewinn auf meinem Karmakonto. Plötzlich klingelt das Handy. Meine Gedanken machen schlagartig einen U-Turn bei voller Fahrt in den Gegenverkehr. Sie ist es nicht, doch ich bin erleichtert. Wenn man mal wieder mit seinen Eltern telefoniert, weiß man, wo der Wahnsinn wirklich zuhause ist.
Daniel Penk! Peng!
Grafik: Vinzent Britz & Martin Köhler
7 days mit Lisa und Fabi
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